SPIEL Sachen : Kurz & Nackig

Christine Wahl über die Vorteile der "Langen Nacht der Opern und Theater".

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Wer sich mit der Bühnenkunst bisher schwer tat, bekommt am Samstag die ultimative Chance zum Schwellenabbau. Fünfstündige Deklamationsabende ohne Pause auf avantgardistischen Stehplätzen, sinnfreies choreografisches Kreiseln um sich selbst im leeren Raum und ähnliche Horrorklischees, die über das Theater (leider nicht immer zu Unrecht) kursieren, sind bei der zweiten „Langen Nacht der Opern und Theater“ nämlich ausgeschlossen. Die Tatsache, dass statt des gefürchteten Fünfstünders hier der gepflegte 30-Minüter dominiert und man in den sechs Stunden zwischen 19 und 1 Uhr fast ein halbes Dutzend völlig verschiedenartiger Vorstellungen schaffen kann, minimieren das Missfallensrisiko enorm. Bei der Premiere des Ereignisses im Vorjahr ließen sich 20 000 Bühnen-Begeisterte überzeugen.

Und wer sowieso schon jeden zweiten Abend im Gorki, der Schaubühne, dem Deutschen Theater oder dem HAU anzutreffen ist, kann diesen tollen dramatischen Service nutzen, um auch mal kleinere Bühnen der Stadt kennenzulernen. Denn die Shuttle-Busse mit dem zentralen Start- und Sammelpunkt vor dem Brandenburger Tor fahren bis zum Zimmertheater Karlshorst oder der Brotfabrik Weißensee, wo übrigens 15- bis 20-jährige Schauspielerinnen ihre eigenen Biografien in Joyce Carol Oates’ Frauen-Monologen „Nackt steh ich vor euch“ spiegeln.

Andere Bühnenstars von morgen – Studenten des 3. Studienjahres der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ – beweisen im bat-Studiotheater Service- und Effizienzbewusstsein mit einem Ibsen-Crashkurs: Hier läuft der „Volksfeind“ in einer derartigen Kurzfassung, dass man es hinterher noch bequem zur „Rollschuh-Disco mit Swingmusik und theatralem Parcours“ im Theaterdiscounter schafft. Wer dann um 23.59 Uhr immer noch tanzen will, kann bei der großen Abschlussparty in der Volksbühne überprüfen, ob gute Schauspieler und Performer auch begabte DJs sind.

Was man sonst noch zur Langen Nacht wissen muss, erfährt man in der heutigen Beilage des Tagesspiegels.

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