Spielzeit Europa : Ein wunderbarer Fluss

Lange hatte man sie herbeigesehnt: Im Haus der Berliner Festspiele präsentierte sich Ballerina Sylvie Guillem nun auf der Höhe ihrer Kunst.

Sandra Luzina

Der Tanzabend „Push“ mit Choreografien von Russell Maliphant bescherte der eher glanzlosen „Spielzeit Europa“ einen krönenden Abschluss. Denn die Pariserin ist der Superstar unter den Ballerinen, sie ist eine Klasse für sich.

Mit 19 Jahren kürte Rudolf Nurejew Guillem zur jüngsten Étoile des Pariser Opernballetts. Mit Anfang 40 hängte die Französin das klassische Ballett an den Nagel, um sich mit Verve in neue künstlerische Abenteuer zu stürzen. Früher hat sie mit William Forsythe, Maurice Béjart, Mats Ek und Robert Wilson gearbeitet – nun inspiriert sie eine jüngere Generation von Choreografen. In dem Briten Russell Maliphant hat sie nicht nur einen sensiblen Choreografen, sondern auch einen vorzüglichen Tanzpartner gefunden.

Drei Soli und ein Duett standen auf dem Programm. Wenn Sylvie Guillem in „Solo“ zu den Flamencoklängen von Carlos Montoya erstmals die Bühne betritt, strahlt sie eine unvergleichliche Grandezza aus – und entspannte Nonchalance. Durchscheinend ihr weißes Gewand, durchlässig wirkt ihr hochtrainierter Ballerinen-Körper. Lässig sind die hohen Beinlifts und -kicks, die sie mit stolzen Armgesten kombiniert. Ihr Tanz gerät nie zur Pose, sie modelliert jede Bewegung mit Präzision und Feingefühl.

In „Shift“ entfaltet Russel Maliphant sein Credo: Er streift alle Künstlichkeit ab und dringt zu einer raffinierten Einfachheit vor. Maliphant ist der Öko unter den Choreografen – und er tanzt mit der Geschmeidigkeit einer Katze. In „Two“ lässt Sylvie Guillem zunächst nur Arme und Schultern kreisen und zeigt ihr aufregendes Rückendekolleté. Zu den hypnotischen Ambientklängen von Andy Cowton scheint sie sich dann in pure Energie zu verwandeln.

In dem preisgekrönten Duett „Push“ entfalten die beiden Tänzer dann eine wunderbare Komplizenschaft. Am Anfang sieht man Guillem auf Maliphants Schultern sitzen – eine stolze Amazonenkönigin. Sie lässt sich fallen, gleitet herab, umschlingt und umschlängelt den Mann und schnellt wieder hoch – er ist atemberaubend, dieser Wechsel aus Erhöhung und Hingabe. Wenn sie sich dann geerdet haben, fasst sie ihn bei der Hand, er berührt sie an der Schulter und an Hüfte – „Push“ zeigt, wie Berührungen eine Bewegung auslösen. Zu erleben ist eine geheimnisvolle Kommunikation der Körper, ein wunderbarer flow. Guillem und Maliphant – das ist Magnetismus. Am Ende stehende Ovationen für beide. Sandra Luzina

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