Spielzeit Europa : Spiegelfechter

„Eonnagata“ von und mit Robert Lepage zeichnet bei der Berliner Spielzeit Europa das Leben eines Rokoko-Abenteurers nach.

Peter von Becker
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Ich ist die Andere. Russell Maliphant als Mademoiselle de Beaumont. Foto: Festspiele

Drei weltberühmte Tanz- und Theaterkünstler, eine Frau und zwei Männer, spielen einen einzigen Menschen: einen heute fast Vergessenen, weithin Unbekannten. Das klingt reizvoll. Zumal jener Mensch auf geheimnisvolle Weise mal als Mann, mal als Frau erschien. Und so verheißen Sylvie Guillem, Robert Lepage und Russell Maliphant, einander als verkörperte Trinität immer wieder umschlingend, abstoßend und anziehend, ein tanztheatralisches Sandwich der Extraklasse.

Ihr anderthalbstündiges Stück „Eonnagata“, zuerst auf der Bühne des Londoner Sadler’s Wells gezeigt und nun in einer szenischen Fortschreibung bei der diesjährigen Spielzeit Europa im Berliner Festspielhaus zu sehen, es will die Biografie wachrufen des Rokoko-Abenteurers Charles-Geneviève d’Éon de Beaumont. Der (oder sie) hat von 1728 bis 1810 abwechselnd im Habitus eines Mannes und einer Frau gelebt und figurierte in der geheimnisvollen Doppelidentität einer Mademoiselle de Beaumont und des Chevalier d’Éon.

Als weiblicher Geheimagent des französischen Königs Ludwig XV. spionierte d’Éon am Petersburger Hof der Zarin Elisabeth, doch er glänzte auch als Fechter und Hauptmann der Dragoner, gelangte als sagenumwobener Diplomat nach London, wo er Casanova auffiel, später, in Ungnade und Armut gefallen, trat er als fechtender Damenfreak im Zirkus auf, und man wettete an der Börse auf d’Éons wahres Geschlecht, das sich nach seinem Tod bei der Obduktion als überwiegend männlich erwiesen haben soll. Vielleicht aber waren er und sie auch ein Hermaphrodit – das begeistert heute die Transgender-Forscher.

Und es verbindet die großen Drei: die frühere Nurejew-Forsythe-Béjart-Protagonistin und tänzerische Primadonna assoluta Sylvie Guillem aus Paris mit ihrem Partner, dem britischen Starchoreografen Russell Maliphant, und dem als Schauspieler, Theater- und Filmregisseur, Autor und Mammutinszenator (in Las Vegas mit dem Cirque du Soleil) weltweit präsenten Frankokanadier Robert Lepage. Das Problem ihres hochexquisiten Abends ist nur, dass man die Grundidee – Mann ist Frau, und Frau ist Mann – sofort verstanden hat. Die dreifaltige Einfalt.

Was sodann im Halbdunkel passiert, ist selten mehr als ein vielfach abgewandeltes Wechselspiel aus Pas de deux oder Ménage à trois in teils hauteng ballettösen, teils rokokoseidenen Plüschkostümen (des Modemachers Alexander McQueen). Man fällt zu Bach und Beat, zu Cembalo- oder Technoklängen mal wild, mal schmachtend übereinander her, verschwindet als Mann hinter hereinfahrenden Trennwänden und tritt als Frau wieder vor, Körper und Schatten verschmelzen und lösen sich auf, der Januskopf wird immerzu variiert. Und das wirkt alles so vorhersehbar, wie aus umgestürzten Tischen Kemenaten oder Schiffe werden und aus Holztangen und Fächern Fechtwaffen, Krücken oder Ruder. Dazu erzählen die Darsteller mitunter auf Französisch oder Englisch die Lebensstationen ihres Helden, ihrer Heldin nach, aber das leider auf dem poetischen Niveau von Lexikonartikeln. Hier darf man nicht an Virginia Woolfs Orlando/Orlanda denken und auch nicht daran, wie ingeniös Lepage einst auf und mit einem einzigen Tisch Shakespeares „Sturm“ inszeniert oder wie witzig er Französisch und Englisch bei seinem zuletzt auch in Berlin gezeigten „Andersen“-Solo gekreuzt hat.

Der Titel „Eonnagata“ spielt auf die „Onnagata“ genannten männlichen Darsteller von Frauenrollen im Kabuki-Theater an, doch auch die japanisierenden Kostüm- und Maskenanleihen, die aus dem Chevalier einen Samurai machen, sorgen eher für sanften Kitsch als scharfe Kunst. Trotzdem gibt es bei diesen Dreieinigen ein paar wunderbare Momente: die getanzten Martial Arts, Lepage zum Ende hin als alte Frau mit Spitzenhaube, aber noch immer um das Leben fechtend und selbst als Sieger(in) mit ausgewischtem, abgeschminktem Gesicht nur ein trauriger Clown.

Richtig groß ist dann das Finale. Lepage liegt, aus den Frauenkleidern geschält, wie ein massiger, geschlechtsloser Körper auf dem Obduktionstisch; neben ihn treten zu beiden Seiten als seine Zwitter-Ichs und Doppelgänger Sylvie Guillem und Russel Maliphant – und nun passiert fast nichts, nur die Hängelampe über dem Leichnam beginnt zu schwingen, beleuchtet mal den einen, mal den anderen und gleicht einem mächtigen Pendel: zwischen den Geschlechtern, den Zeiten, den Identitäten. Dieses Bild bleibt. Der Rest ist Schweigen.

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