Kultur : Spinnenlust

CHRISTINE WAHL

In seiner frühesten Jugend hing der Choreograph Ctibor Turba nach eigenen Aussagen "auf den Hügeln von Palava" und wurde dabei von einem "weinberauschten Gitarrenspieler namens Emil" gesichert.Während der folgenden Ära weniger großen Wagemuts hatte er dann an seiner Eifersucht auf Spinnen zu tragen, weil die sich an so "zarten Fäden durch den Raum" bewegen können; letztlich mündete der Traum vom Hängen in einer Koproduktion des Mime Centrums Berlin mit dem Prager Mime-Theater "Alfred im Hof".Jetzt ist sie im Rahmen von "Tanz im August" im Dock 11 zu sehen und trägt folgerichtig den Titel "Hanging Man".Es gibt der wechselweise Abgeseilten vier: die hängenden Männer Marc Pohl, Petr Kruselnicky und Ondrej Lipovsky sowie die hängende Frau Halka Tresnáková.Der Crew geht es um extremste Grenzüberschreitungen gewohnter Bewegungszeremonien: Wer kopfüber, wahlweise mit einem oder zwei Füßen am Seil befestigt, von der Decke herabhängt, kann sich - das ist klar - schwerlich ritualisierter Formen der Kontaktaufnahme (sagen wir beispielsweise verläßlicher Blickwechsel) bedienen.Zudem zwingt ein derartiger Hang naturgemäß zu Minimalismus, und diese Reduktion kommt bei Turbas hängenden Menschen sympathischerweise nicht als aufdringlich bedeutungsschwangeres choreographisches Kalkül daher.Vielmehr wirkt das Spiel einer Hand, eines Beines oder auch nur einer Zunge in der pendelnden Position bestechend unverkrampft, überraschend konzentriert und außerdem witzig, wenn - beispielsweise beim "Relation"-Streben einer hängenden Frau und eines ausnahmsweise fest auf dem Boden darunter verankerten Mannes - Fluchtversuche lediglich unter Aufbietung höchstartifizieller Schräglagen Erfolg versprechen.(Die Annäherungen in der Vertikale übrigens sind ganz einfach nur selten gesehen schön.)

Fazit: Hängenden Männern und Frauen eignet, sofern sie über die artistischen Fähigkeiten von Turbas Darstellern verfügen, eine überraschende, alles andere als bloß morbide Ästhetik! Dabei sind die Themenkreise, die das Ensemble zu Jirí Stivíns Musik in insgesamt elf bewegten Bildern variiert, nicht unbedingt als bahnbrechend zu bezeichnen.Auch bezüglich des Geschlechterverhältnisses scheint die Welt noch in Ordnung: Die Frau etwa muß schmerzlich "The Heavyness of Being" erfahren, indem sie mittels an drei Gliedmaßen und den Haaren befestigter Steine recht schnell wieder in jene Mülltonne herabgezogen wird, aus der sie soeben erst emporgeschwebt war, um später das "Coldness-Feeling" in einer Art Glas(perlen)spiel auszuloten.Unterdessen tragen die Männer - beispielsweise durch Gummiseile an den Köpfen verbunden - tendenziell ein Tauziehen um die Vorherrschaft aus.Und deshalb ist es auch gut, daß das Hängen nach einer knappen Stunde - wenn die Idee sich in den zwangsläufig eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten zu wiederholen droht - vorbei ist."Wahrscheinlich haben wir mit diesem Experiment das Hängen im Raum ausgeschöpft", meint Turba."Wir werden in anderen` dunklen Ecken der Bewegung weitersuchen."

Bis zum 30.August immer mittwochs bis sonntags um 22 Uhr im Dock 11, Kastanienallee 79

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben