Kultur : Spitz auf Spitze

Aufbruch in der Berliner Tanzszene: vor der langen Nacht in der Akademie

Sandra Luzina

Kürzlich gab es wieder Streicheleinheiten für den Tanz – von höchster Stelle. Berlins Regierender Bürgermeister und neuer Kulturchef Klaus Wowereit äußerte im Tagesspiegel-Interview: „Ich möchte weiter den modernen Tanz unterstützen, denn da ist Berlin Weltspitze mit Malakhov, Sasha Waltz und den freien Compagnien.“ Bei der langen Tanznacht am Samstag in der Akademie der Künste wird Wowereit die Eröffnungsrede halten.

Seit Anfang Dezember tanzt die freie Szene sich warm beim Festival „Tanz made in Berlin“. 22 Spielstätten haben sich dafür zusammengeschlossen, von der Volksbühne bis zum Club „Ausland“; es gibt neue attraktive Spielorte wie das Radialsystem. 43 Produktionen sind zu sehen, das ist Rekord. In Berlin steppt der Bär, die Szene ist kosmopolitisch wie nie.

Höhepunkt der Aktivitäten ist die morgige Tanznacht. Die letzte Ausgabe vor zwei Jahren hatte Schiffbruch erlitten: zu lieblos die Präsentation, zu substanzlos die vielen Häppchen. Der Rausch war ausgeblieben, danach herrschte trotzdem Katzenjammer in der Szene. Mit Heike Albrecht zeichnet nun erstmals eine Kuratorin für die Tanznacht verantwortlich. Für die gebürtige Potsdamerin ist es eine Feuerprobe: In der nächsten Spielzeit wird sie die künstlerische Leitung der Sophiensäle übernehmen.

Beim Tanzmarathon in der Akademie gehen 36 Choreografen an den Start. Das Programm mutet an wie eine große Umarmung: Vom Konzepttanz bis zum Tanztheater, von Urban Dance bis zu Videotanz und Installation ist alles dabei. Vor allem spartenübergreifende Arbeiten werden zu sehen sein, der Tanz zeigt sich in inniger Liaison mit Bildender Kunst, neuen Medien, Musik oder Performancekunst. Auch die Befürchtung, dass nach der desaströsen Tanznacht 2004 die Veranstalter ausbleiben, hat sich nicht bestätigt. Rund 80 Programmgestalter haben sich zu der Leistungsschau angemeldet, die Hälfte kommt aus dem Ausland.

Und vielleicht wird es ja diesmal ein rauschendes Fest. Seit 2004 vieles in Bewegung gekommen ist, hat die freie Szene hat allen Grund zu feiern. „Der zeitgenössische Tanz spielt im kulturellen Leben der Stadt und im kulturwissenschaftlichen Diskurs keine marginale Rolle mehr“, freut sich Barbara Friedrich von der Initiative TanzRaum Berlin. Bei den Subventionen bildet der Tanz freilich eins der Schlusslichter, die Basisförderung hat zuletzt um 30 Prozent abgenommen.

Berlin übt eine große Anziehungskraft auf Choreografen und Tänzer aus. Die prominenten Neuzugänge reißen nicht ab: Jüngst zog etwa der Bessie-Award-Gewinner Jeremy Wade aus New York nach Berlin. Doch die Berliner Choreografen können in der Regel nur dank Stipendien oder durch Koproduktionen überleben. Und die freien Künstler bringen oft Fördergelder aus dem Ausland mit.

Berlins Tanzszene ist arm und sexy, passt also gut zum strapazierten Image der Stadt. Trotz ihrer aktuellen Dynamisierung steht vieles auf wackeligen Füßen. Doch die Akteure stimmen keinen Klagegesang an, die einst zersplitterte Szene hat sich vielmehr zusammengeschlossen und ist damit zum Dialogpartner wie zum Schrittmacher der Kulturpolitik geworden.

Peu à peu erobert der Tanz sich neues Terrain. Einige Erfolgsmeldungen: Die Choreografin Livia Patrizi hat gegen manche bürokratische Hindernisse die Initiative „TanzZeit – Zeit für Tanz in den Schulen“ ins Leben gerufen. Choreografen unterrichten an Berliner Schulen; die Resonanz ist überwältigend. Bestnoten gab es zuletzt für das hochschulübergreifende Zentrum Tanz; mit dem Pilotprojekt hatten die Berliner sich beim „Tanzplan Deutschland“ der Bundeskulturstiftung beworben. Im April 2007 können die ersten Studenten eines neuen Bachelor-Studiengangs für Choreografie loslegen.

Trotz alledem ist der Tanz immer noch eine freischwebende Kunst: Fast alles hängt von temporären Förderentscheidungen ab. Derzeit werden die Aktivitäten verstärkt, um die Basis zu sichern – strukturell wie finanziell. Ideen und kreative Energie sind im Überfluss vorhanden. Was die Künstler verbindet, ist der feste Glaube, dass man die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann.

Akademie der Künste, Hanseatenweg, Sonnabend, 16. Dezember, ab 18 Uhr

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