Kultur : Sport & Mord, ein Ort (Kommentar)

Jürgen Tietz

Berlins Olympiastadion wird modernisiert, so viel steht mittlerweile fest; die Bewerbung um die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 sorgt für den bekannten Termindruck. Jenseits aber der aktuellen Diskussion über eine Sanierung und Überdachung des geschichtsträchtigen Betonrunds drängt sich eine weitere Frage auf: Wie und wo sollen künftig auf dem riesigen Gelände des Reichssportfeldes dessen Geschichte und Nutzung angemessen dokumentiert werden? Stimmen, die gegen ein entsprechendes Forum einwenden, Berlin verfüge längst über genügend Erinnerungsstätten zur Geschichte des Dritten Reichs, unterschätzen die Erklärungsbedürftigkeit authentischer Orte wie Olympiastadion und Reichssportfeld. Aufgabe einer Dokumentationsstätte wäre es, die engen Verbindungen aufzuzeigen, die zwischen der Architektur des Stadions, der Organisation und Ausrichtung der Olympischen Spiele 1936 sowie der Instrumentalisierung und dem Missbrauch von Sport und Sportlern während der NS-Diktatur bestanden.

Einen geeigneten Ort zur Dokumentation zu finden, scheint nicht so schwer. Erst in den sechziger Jahren baute Werner March den nach 1945 gesprengten Olympia-Glockenturm samt der Langemarckhalle wieder auf. Mit ihr wurde das sinnlose Sterben Tausender junger deutscher Soldaten bei einem Sturmangriff nahe dem belgischen Langemarck während des Ersten Weltkrieges als Opfertod für das Vaterland heroisiert. In dieser unkommentierten Form als Kriegerdenkmal ist die Langemarckhalle mehr als fragwürdig. Sie fordert dazu heraus, sie im Zusammenklang mit dem modernisierten Olympiastadion in einen lebendigen Ort der Geschichte zu verwandeln, der die seltene Chance zu einer sporthistorischen Begegnung von Gegenwart und Vergangenheit bietet.

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