Sprache : Denker und Henker

Heute gibt die Gesellschaft für Deutsche Sprache das Wort des Jahres 2007 bekannt. Es darf mit einem finsteren Vorschlag gerechnet werden.

Christiane Peitz

Was hat die letzte Schwarzgeldaffäre mit dem 11. September, dem Teuro, dem alten Europa, Hartz IV, der Bundeskanzlerin und der Fanmeile gemeinsam? Richtig, es sind die Wörter des Jahres seit der Jahrtausendwende. Ganz schön elend, das neue Millennium im verflixten siebten Jahr. Sieht man von dem bisschen WM-Spaß mal ab, handelt es sich um lauter Miesmacher: Außer Fußball nur Horror und Terror, Skandale und Randale, Maloche und Malaisen. Stimmungsmäßig gesehen, verhalten sich Wörter und Unwörter der Jahre obendrein wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Unwörter bezeichnen dasselbe in Gräulich – von „national befreite Zone“ im Jahr 2000 über Gotteskrieger, Ich-AG, Tätervolk, Humankapital und Entlassungsproduktivität bis zur freiwilligen Ausreise 2006.

Heute gibt die Gesellschaft für Deutsche Sprache das Wort des Jahres 2007 bekannt. Auch diesmal finden sich auf der Kandidatenliste garantiert lauter finstere Vokabeln, von Klimakatastrophe bis Mindestlohn. Armes Deutschland.

Die Wörter dürfen auch nicht mehr sein, was sie mal waren. Ständig dieser Konkurrenzdruck! Vom schönsten bis zum trefflichsten Wort des Jahres müssen sie in Exzellenzwettbewerben gegeneinander antreten, das zaust sie ziemlich. Das Volk der Dichter und Denker, längst eine Nation der Richter und Henker. Wobei die Schönheitsturniere – wir erinnern uns: Feierabend, Morgenschön, Himbeere, Schmetterling, Semmelnknödel! – wenigstens das spielerische Potenzial der Sprache zu Tage gefördert haben. Aber seit sich die armen kleinen Wörter im gnadenlosen Wettstreit der freien Kräfte des Marktes behaupten müssen, hat das Zeug zum Jahressieger nur noch, wer die Wirklichkeit prosaisch, technokratisch, knallhart auf den Punkt bringt. Und die Poesie bleibt auf der Strecke.

Die Schweizer, sonst ja eher langsam, haben ihr Jahrwort 2007 schon gestern verkündet: Sterbetourismus. Die zarte Rede von der Seelenwanderung, perdu.

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