Kultur : Sprechen & Spielen

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen melancholischen Theoretiker

„Alles begann für mich beim Hören einer JohnColtrane-Platte“, berichtet Ben Sidran . „Immer und immer wieder habe ich sie gehört, und irgendwie kam mir diese Musik wie Sprache vor. Ich meinte zu verstehen. Die meisten Musiker sagten mir dann, dass die Idee ihnen überhaupt nicht neu erscheine, dass es endlich an der Zeit sei, dies aufzuschreiben. Okay, das habe ich gemacht. Die Idee ist so simpel, und es gäbe immer noch soviel zu erforschen. Aber dadurch ist ,Black Talk’ auch irgendwie einzigartig geworden.“ Als vor dreißig Jahren das Buch „Black Talk – Schwarze Musik - die andere Kultur im weißen Amerika“ erschien, hielten viele Kritiker es noch für den falschen Weg, Musik wie Sprache zu behandeln. Heute ist Sidrans Debüt ein Standardwerk über schwarze Kultur.

Sidrans zweites Buch, „Talking Jazz“ erschien vor zehn Jahren. Und wieder widmete es sich einer Revolution. Nämlich der Frage: „Wie hat das Recording- Business die Musik verändert? Als ,Black Talk’ entstand, war Technologie noch kein Thema“, sagt Sidran. „Man ahnte noch nicht, was sich da tun würde. Die meisten Musiker gingen ins Studio und nahmen eben die Musik auf, die sie sonst in den Clubs spielten. Aber heute wird die Musik im Aufnahmestudio erfunden. Multi-Track und Overdub haben die Musik verändert. Keiner konnte voraussehen, in welchem Umfang die schwarze Kultur von der Technologie untergraben werden würde. Eine Kultur, von der in ,Black Talk’ die Rede war.“

In den Interviews für „Talking Jazz“, die Sidran als Radiomoderator regelmäßig mit Jazzmusikern führte, entwickelte er den Unterschied zwischen captured und manufactured music. „Captured music ist die Musik, die du in einem Raum aufnimmst, praktisch die klassische Studioproduktion. Manufactured music meint die Musik, die im Recording-Studio wie ein Automobil zusammengesetzt wird. Beide Musiken können sich sehr gut anhören, sie sind nur sehr verschieden.“ Am Donnerstag wird der Pianist, Sänger, Komponist und Musikwissenschaftler Ben Sidran 60. Aus diesem Anlass ist sein drittes Buch erschienen: „A Life In Music“, eine Autobiografie. Als wissenschaftliches Thema ist die schwarze Kultur für Sidran nicht mehr so interessant, seitdem sie, wie er behauptet, nahezu vollständig von den Medien beherrscht wird. Doch Sidran veröffentlicht regelmäßig neue Aufnahmen auf seinem eigenen GoJazz-Label ( www.gojazz.com ). „Und wenn man das Recording-Business mal außer Acht lässt, ist vieles, wie es schon immer war. Die eigene Art zu sprechen, Musik zu machen, über die Welt zu lachen - trotz allem.“

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