Kultur : Sprechende Hände

Felix Losert

Sportlich eilt Vladimir Ashkenazy auf das Podium der Philharmonie. Vielleicht ahnt er, dass ihn das Publikum mit lang anhaltendem Applaus daran hindern wird, sofort mit seiner Arbeit zu beginnen. Die Leute sind sich sicher, mit dem DSO und seinem hoch geschätzten, ehemaligen Chefdirigenten Musik erleben werden, die nicht ihre Technik herauskehrt, sondern die Geschichte, die sie zu erzählen hat. Mit schwerer Stimme besingt Schostakowitsch in seiner elften Sinfonie die Geschichte von Aufstand und gewaltsamer Niederschlagung nicht nur in Russland 1905 oder Ungarn 1956, sondern von einem ewig wiederkehrenden Gräuel. Die eingefrorene Verzweiflung des Beginns taut nur langsam auf, spät verlässt er den litaneiartigen Ton, schreit das Furchtbare heraus. Bedrohliche Blech-Fanfaren und trotzige Arbeiterlieder im Holz werfen sich gegen Streicher-Aktionismus. Im Adagio summen die Bratschen trauernd ein altes Arbeiterlied, bevor alles in Gewalt versinkt.

Samuel Barber dagegen erzählt in seiner Ersten Sinfonie eine neoromantische Geschichte. Er macht das mit besten europäischen Manieren und einer für einen 25-Jährigen unglaublichen Einheitlichkeit. Auch bei ihm gibt es ein paar Ausbrüche, aber immer findet er zum sinfonischen Konversationston der russischen und nordischen Sinfonik des Fin de Siècle zurück. Durch das rücksichtslose Vorgehen der sinfonischen Subjekte bei Schostakowitsch bleibt allerdings am Ende nicht nur von den aufbegehrenden Arbeitern, sondern auch von dieser bürgerlichen Welt nicht mehr viel übrig.

Das glänzend aufgelegte DSO führt seine ausgezeichneten Solisten und homogen agierenden Stimmgruppen vor, und beweist, wie problemlos es vom romantischen Mischklang Barbers zu den harten Konturen Schostakowitschs wechseln kann. Ein Fest der sinfonischen Tradition des 20. Jahrhunderts, die noch viel zu erzählen hat, und ein ausgezeichnetes Produkt der verlässlichen Marke "Ashkenazy".

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