Kultur : Sprecher der Fanfaren

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Johano Strasser ist auf dem diesjährigen Kongress in Darmstadt zum neuen deutschen PEN-Präsidenten gewählt worden. Das ist keine große Überraschung. Strasser war bereits seit 1996 Generalsekretär des westdeutschen PEN-Clubs und hat alle schwierigen Phasen der letzten Jahre in dieser strategisch wichtigen Position erlebt: die jahrelangen Auseinandersetzungen im westdeutschen PEN über das Thema einer Vereinigung mit dem ostdeutschen PEN, die Kulminationspunkte mit den zahlreichen Austritten bedeutender Schriftsteller, und schließlich die Vereinigung, die 1998 zustande kam.

Auf einem der Höhepunkte der Streitigkeiten übernahm Strasser das Amt des Generalsekretärs West zunächst kommissarisch. Er war dafür prädestiniert: die Verbindung von Literatur und Politik ist für seine Biografie charakteristisch. 1977 habilitierte sich der 1939 geborene Strasser an der FU Berlin im Fachbereich Politikwissenschaften und gab von 1980 bis 1989 die politisch-literarische Zeitschrift "L 80" heraus, ein bedeutendes Forum für linksliberale Intellektuelle und Schriftsteller, immer auch ein bisschen im Dunstkreis der SPD, prononciert reformerisch, aber vor Radikalismus immer warnend.

Strasser war einer der entschiedendsten Verfechter eines demokratischen Sozialismus und dadurch eine Integrationsfigur für die eher künstlerisch orientierten Kreise der SPD. Von 1971 bis 1975 war er stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten in der SPD und galt als deren "Chefideologe". Auch die Arbeit in der SPD danach war vor allem programmatischer Natur. Strasser war Mitglied der Grundwerte-Kommission beim Parteivorstand und Mitautor des SPD-SED-Papiers von 1987, das letztlich schon viel von dem vorbereitete, was bei der Vereinigung der beiden deutschen PEN-Zentren zur Debatte stand.

Nach etlichen politischen Veröffentlichungen trat Strasser 1987 mit seinem Roman-Debüt "Der Klang der Fanfare" in Erscheinung. Belletristik definierte er dabei als "Medium der humanen Fundierung von Politik". Bei den großen Querelen um die Vereinigung der deutschen PEN-Zentren, in denen es um Grundsatzfragen der Aufarbeitung der Vergangenheit, der Vergehen in einem Unrechtsstaat ging, gehörte Strasser zu den Wortführern einer pragmatischen Linie. Etliche namhafte Schriftsteller traten unter Protest aus dem PEN aus, der dadurch in den Ruf geriet, vor allem eine Vereinigung von Literaturfunktionären zu sein.

Allerdings scheinen die großen Zeiten einer Verbindung von Literatur und Politik ohnehin vorbei, so dass dem PEN ein bisschen die Aura früherer Tage fehlt. Die Wahl des Vorgängers von Strasser zum PEN-Präsidenten, des Exil-Iraners Said, betonte auch symbolisch das wichtigste Feld, auf dem der PEN zur Zeit arbeitet: das "Writers in Prison"-Komitee widmet sich verfolgten und inhaftierten Schriftstellern in aller Welt. Strasser steht dabei auf jeden Fall für Kontinuität. Im Vorjahr erschien sein Buch "Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes", und dabei redet er nicht zuletzt auch jenen Sozialdemokraten ins Gewissen, "die vergessen haben, dass die Wirtschaft den Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt."

Strasser ist ein Garant dafür, dass sich der PEN auch künftig politisch einmischen wird, wo es nötig ist. Allerdings dürfte es auch eine lohnende Aufgabe sein, den PEN wieder mehr mit Autorennamen zu verknüpfen, die vor allem durch literarische Texte hervorgetreten sind. Zum neuen Generalsekretär des PEN wurde Wilfried F. Schoeller gewählt, der langjährige Literaturredakteur des Hessischen Fernsehens.

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