Kultur : Sprengsatz Kunst: Bei Barbara Thumm lassen "(e.) Twin Gabriel" Glas bersten

Michaela Nolte

Für seinen "Schizzo"-Scheck muss Zoyd Wheeler hart arbeiten. Einmal im Jahr vollbringt der Freigänger der Nervenheilanstalt von Vineland eine Wahnsinnstat: Vor laufenden Fernsehkameras springt Thomas Pynchons Romanheld durch eine Schaufensterscheibe, die in Myriaden glitzernder Scherben birst.

Wenn Else Gabriel von (e.) Twin Gabriel durch eine Glasscheibe läuft, müssen sie und ihr Partner Ulf Wrede das Kamerateam selbst engagieren. Auch unterstützt keine Gesundheitsbehörde den Wahnsinn Kunst. In der Wanderausstellung "Die verletzte Diva" ist eine erste Version des Fenstersprungs als überdimensionaler, vehementer Video-Schocker zu sehen. Für die zweite Fassung diente die Galerie Barbara Thumm als Kulisse, wo nun die Relikte und eine sparsame Dokumentation zu sehen sind. Der Sprung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und der mediale Knall bleibt aus - das Set lässt ihn im Kopf des Betrachters nachhallen (Skulptur 35 000 Mark).

Zwischen romantischem Pathos, klassischem Film-Still und psychologischer Erzählung oszillieren Fotos und Video. Die "21st Century Überfrau" beim Sprungansatz, als ihr eigenes Double beim Durchbruch und als Star im Scherbenhaufen. (e.) Twin Gabriel inszenieren moderne Mythen und alte Legenden für den white cube. DieÜberschneidungen bleiben hauchdünn und die Schnittstellen von Ordnung und Chaos sind so wohl durchdacht, dass ihre Kanten bisweilen glatt geschliffen wirken und ohne Schärfe. Hollywood trifft Trash und schaut auf Hildegard von Bingen. Der Titel der Serie ist einer englischen Zeitschrift entlehnt, die eine Musikkritik der mittelalterlichen Heiligen mit "12th Century Überfrau" einleitete.

Drei Sekunden währte die Aktion. Jede einzelne ist auf den 2,5 mal 1,8 Meter großen C-Prints (je 15 000 Mark) scharf und akribisch nachvollziehbar. Im ersten bricht das Glas langsam und anmutig auf - wie die Schollen in Caspar David Friedrichs "Eismeer"; hinter formschönen Bruchstücken und winzig funkelnden Splittern schimmern Schemen eines Menschen. Ob er dem Scherbenmassiv entkommt oder ihm zum Opfer fällt, bleibt offen. Erst auf dem nächsten Foto quillt der Körper mit Wucht durch das gefährlich spritzende Glas. Die überstarke Pose der Überfrau im dritten Foto bricht zwar den Mythos, löst aber auch die Spannung in eine allzu eindeutige Richtung auf. Fernsehpsychologen erzählen in Vineland von "edefenestrativen und etransfenestrativen Persönlichkeiten". Pynchons ironischer Hieb auf die Unterhaltungsindustrie wird bei (e.) Twin Gabriel zum schwarz hinterlegten Gleichnis: die Welt als Vakuum aus Thrill und Action. Else mit Kratzern und Blutspuren - doch die Transformation will sich nicht so recht einstellen. Zarathustra lässt grüßen. Im DVD-Video (Preis nach Absprache) erscheint die Überfrau verletzlich und auf den Fotos ebenso einsam wie Nietzsches Eremit. Auf der Suche nach geistiger Vollendung muss sie, wenn nicht mit dem Kopf durch die Wand, so doch - mit Hilfe von Sprengstoff - mit dem Körper durch fünf Millimeter dickes Glas. Während historische Märtyrerdarstellungen die Zeichen des Leidens stilisieren, kuriert Else Gabriel ihre Wunden auf dem Video mit einem Industriestaubsauger. Das wirkt bisweilen malerisch schön und dann brutal profan. Wenn der dumpf dröhnende Staubsauger die Ästhetik des Blutes im wabernden Schenkelfett absaugt, wird die Kunst für einen Moment zum subtilen Sprengstoff.

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