Spurensuche : Brods Nachlass

Kafka-Dokumente in Tel Aviv entdeckt. Sein Biograf sprach über deren Bedeutung mit dem Tagesspiegel.

Martina Scheffler

Die Meinungen gehen auseinander, wenn es um die Bedeutung der KafkaDokumente aus dem Nachlass von Kafkas Freund und Herausgeber Max Brod geht, die jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Der Kafka-Biograf Reiner Stach hält deren Relevanz für enorm, auch wenn er darauf hinweist, dass die Existenz der in einer Wohnung in Tel Aviv lagernden Dokumente zum großen Teil bekannt gewesen sei, seit sie in den achtziger Jahren auf einer Inventurliste des Nachlasses auftauchten.

"Das Bild von Kafka wird viel schärfer"

Die Dokumente waren bisher in Besitz von Esther Hoffe, der im September 2007 verstorbenen Sekretärin und Lebensgefährtin Brods. Nun wollen Hoffes Töchter den Nachlass freigeben. "Darunter findet sich auch ein Kuvert mit der Aufschrift ,Briefe von frühen Freunden Kafkas’“, sagte Stach dem Tagesspiegel. "Das ist eine Sensation, man weiß kaum, wer die frühen Freunde überhaupt sind.“ Die Tel Aviver Dokumente könnten viele Zusatzinformationen liefern und "das Bild von Kafka viel schärfer zeichnen, als es vorher war“.

Auch die Beschreibung des Milieus, in dem sich Kafka als junger Mann bewegte, werde leichter. So befänden sich in den Unterlagen sämtliche Vorträge, die Brod als Student in einer "Lesehalle“ genannten Vereinigung gehalten habe, in der auch Kafka Mitglied war. Für Stach, von dem vor Kurzem "Die Jahre der Erkenntnis“, der zweite Teil seiner monumentalen Kafka-Biografie, bei S. Fischer erschienen ist, sind die neuen Informationen auch persönlich ein Glücksfall. Sein dritter Kafka-Band soll sich mit der Kindheit und Jugend des Dichters beschäftigen. Bislang fehlten dem Biografen noch viele Informationen.

Literaturarchiv Marbach: Alles schon bekannt

Ulrich von Bülow vom Literaturarchiv Marbach hält die Aufregung um die Dokumente hingegen für übertrieben: "In der israelischen Presse war das alles schon lange bekannt.“ Auch hätten Mitarbeiter des Literaturarchivs Brods Nachlass schon früher einsehen können, das Archiv stand in ständigem Kontakt zu Esther Hoffe.

Bülow erwartet, lediglich Briefe von Kafka an Brod zu finden, deren Existenz bereits bekannt war und die teilweise schon veröffentlicht wurden, dazu vielleicht noch einige Zeichnungen. Interessantere Aufschlüsse erhofft er sich von Brods Briefwechsel mit anderen Autoren. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Brod da über Kafka schreibt.“ Insgesamt sei es dennoch verwunderlich, dass der Brod-Nachlass nun wie eine Sensation behandelt werde. „Das hat wohl mit Kafkas 125. Geburtstag zu tun.“ 

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