Staatsballett : Der Mief von tausend Tüllröckchen

Neues von Vladimir Malakhov und dem Staatsballett: Das Ensemble überrascht mit der Aufführung "With/Out Tutu".

Sandra Luzina

BerlinZu Beginn will man sich fast die Augen reiben: Hat man Vladimir Malakhov und seine Koryphäen jemals so tanzen sehen? So aufgedreht und elektrisierend, mit so blitzender Akkuratesse?

William Forsythes Choreografie „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ von 1996 eröffnet den Ballettabend „With/Out Tutu“. Nachdem das Staatsballett in dieser Spielzeit vor allem dem romantischen Repertoire huldigte (und dabei unzählige Tüllröckchen verschliss), wagt man sich nun an Zeitgenössisches. Programmatisch soll demonstriert werden, wie sich Choreografen heute mit dem klassischen Ballett auseinandersetzen. Forsythe ist da ein Muss – und ein Maßstab. Sein Stück wird in Topbesetzung aufgeführt: Malakhov und Dinu Tamazlacaru komplettieren das bewährte Ballerinen-Trio Polina Semionova, Shoko Nakamura und Beatrice Knop.

Die große Überraschung: Hier wird nichts dekonstruiert. Forsythe treibt das Ballett in seiner ausgestellten Virtuosität und Künstlichkeit vielmehr auf die Spitze und versetzt den Tänzern Adrenalinschocks: Zum vierten Satz aus Schuberts Großer C-Dur-Symphonie jagt er sie in rasantem Tempo durch irrwitzig diffizile Abfolgen aus Soli, Duetten, Trios und Gruppenkonstellationen. Zu sehen ist ein permanentes Auftrumpfen und Überbieten. Die Finessen des Balletts werden so ausgereizt, dass die Tänzer an der Grenze der Überanstrengung agieren – so stellt sich der titelgebende „schwindelerregende Schauder der Exaktheit“ ein.

Elf Minuten währt der euphorisierende Ballettabend in der Staatsoper – danach geht’s bergab. Auf dem Programm stehen Werke zweier US-Amerikaner, die es als Tänzer zu Ruhm gebracht haben, choreografisch aber durch Unbedarftheit auffallen. In Jodie Gates „Courting the Invisible“ zu Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel-Mendelssohn wird die Bühne von drei Perlenvorhängen geteilt. Was das titelgebende Unsichtbare ist, das es durch die Macht des Tanzes zu beschwören gilt, bleibt schleierhaft, denn Gates hält sich an das Sichtbare: Sie hat den Tänzern schmeichelhafte Bewegungen auf die Körper geschrieben, die schön anzusehen sind in den durchsichtigen Kostümen und knappen Trikots. Manches wirkt beliebig, manches kitschig und überladen. Doch Gates versucht immerhin, das klassische Vokabular zu erweitern.

Das Ärgernis des Abends schließlich ist Clark Tippets „Max Bruch Violin Concerto No. 1“. Nicht nur, dass Tippet bloß gefällig Bewegungen arrangiert und die Tänzer auftakelt. Seine Choreografie ist rückwärtsgewandt, geschichtsvergessen – und von einer Schlichtheit, die fassungslos macht. Ein Schritt vor und zwei zurück: Mit dem zeitgenössischen Tanz steht das Staatsballett nicht eben auf gutem Fuße.

Wieder am Dienstag, 20. 5., 19.30 Uhr

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