Staatskapelle Berlin : Signale aus unserer Zeit

Bei den Festtagen der Staatsoper widmet sich Daniel Barenboim zusammen mit seinem West-Eastern Divan Orchestra einem französischen Programm mit Werken von Ravel, Debussy und Boulez.

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Daniel Barenboim
Daniel BarenboimFoto: dpa

Wie das Resultat einer „Forschungsarbeit über die Periodizität“ wohl klingt? Es handelt sich um „Dérive 2“, einen Höhepunkt der „Hommage à Pierre Boulez“, mit der die Staatsoper Berlin den 90. Geburtstag des Komponisten als Sonderprojekt ihrer Festtage feiert. Im bemerkenswert überfüllten Südfoyer der Philharmonie sind die Konzertbesucher versammelt, um sich von Detlef Giese in ein Werk einführen zu lassen, dessen Kompliziertheit schwer zu überbieten ist. Ein erklärtes work in progress.

Was es mit dieser Ableitung aus früheren Kompositionen von Boulez, ihrer Auseinandersetzung mit Ligeti, der Reihe über den Namen des Dirigenten Paul Sacher, barocker Tradition, Differenzierung und Verzierungskunst auf sich hat, ist beim Hören im Saal vornehmlich zu erahnen. 1988 Elliott Carter zum 80. Geburtstag gewidmet, hat sich die Komposition bis zur Fassung von 2006 entwickelt, quasi aus sich selbst. Elf Instrumentalisten, darunter Violinist Michael Barenboim und Boulez-Spezialist Michael Wendeberg am Klavier, werden von Daniel Barenboim mit untertäniger Sorgfalt und Pointierung dirigiert. Es ist eine gestische Partitur, die auf wundersame Weise ihre Dichte mit durchhörbarer Helligkeit des Klanges verbindet, wenn momentan das Englisch-Horn, die Viola, das Horn, das Fagott singend Signale senden. Wer eine gute Dreiviertelstunde solcher forschenden Musik gelauscht hat, geht ziemlich geschafft aus ihr hervor.

Seltsam, dass nach dieser intendierten großartigen Strapaze die Tanzelemente, das Volkstümliche der „Rapsodie espagnole“ von Maurice Ravel nicht erleichternd, sondern eher flacher wirken. Lässige Sinnlichkeit, Effekte verblassen.

Daniel Barenboim dirigiert nun das West-Eastern Divan Orchestra, das er vor 15 Jahren mit dem Ziel gegründet hat, einen nicht nur musikalischen Dialog zwischen den Völkern im Nahen Osten zu ermöglichen. Es steht heute als eine feste Größe im Kulturleben, durchlaufen von fabelhaften Musikern, deren gegenwärtige Formation bezwingend klingt. Der Flötist im „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Debussy, der Hornist in Ravels „Pavane“ sind zu preisen. Das Ganze ist so eingespielt, dass der Maestro beim „Boléro“ den Taktstock abgeben kann, um das mächtige Orchestercrescendo als inspirierender Zuhörer zu begleiten. Für den Chef der mit 14 500 Besuchern erfolgreichen Festtage steht das Konzert zwischen „Parsifal“, „Tannhäuser“ und wieder „Parsifal“.



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