Staatsoper Berlin : Ruhm muss wie ein Traum vergehen

Achim Freyer und René Jacobs erwecken Emilio de’ Cavalieris „Rappresentatione di Anima et di Corpo“ an der Staatsoper im Schiller-Theater aus dem frühbarocken Schlaf

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Verführerisch ist diese Welt. Ein Chor des Begehrens. Foto: DRAMA/Bresadola
Verführerisch ist diese Welt. Ein Chor des Begehrens. Foto: DRAMA/BresadolaFoto: Bresadola/drama-berlin.de

Die Zeit fließt dahin, das Leben zerrinnt, und schon vernimmt Tempo, die Personifikation der Zeit auf dem Theater, den Schall der letzten Trompete. Alles ist flüchtig. Wie aber meistert man das irdische Dasein richtig, um wohlgefällig vor Gott zu bestehen?

Es geht um Himmel oder Hölle in Emilio de’ Cavalieris „Rappresentatione di Anima et di Corpo“, der Oper, die im Jahr 1600 im Betsaal (Oratorio) des Theologen Filippo Neri in Rom uraufgeführt wurde. Der Text stammt von dem „Filippiner“ Agostino Manni. Jetzt erscheint sie als Zaubermärchen in musikalischer Gloriole im Schiller-Theater.

Regisseur Achim Freyer taucht für die Staatsoper tief in den Brunnen der Operngeschichte, bis auf deren Grund, um sein Freyer-Theater mit Luftballons, Masken, Tand, Clownerien, dem immer bei ihm wiederkehrenden Zifferblatt einer Uhr und in unaufhörlicher Bewegung der Darsteller zu entfalten. Sie fesseln mit verfremdetem Mienenspiel. Auf den Bühnenbrettern ist eine Hopse als Spielfeld aufgemalt, das alte aus der Mode gekommene Kinderspiel, das mit Kreide Felder zwischen Hölle und Himmel markiert.

Die Zirkus-Atmosphäre reicht in Freyers Salzburger „Zauberflöte“ zurück, sein Freyer-Ensemble aus Schauspielern auch in die Hamburger Uraufführung des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ von Helmut Lachenmann. Man trägt schwarzen Mantel mit Hut, in der fantastischen Verrätselung ist sehr viel liebenswerte Kinderstube aus der Ferne vergangener Zeiten. Aber auch der Totenschädel als Vanitas-Symbol.

Das passt zu dem Dialog zweier beherzter Knabensolisten (Thoma Wutz und Raphael Zinser) aus dem Staats- und Domchor, die als Spielmacher das Stück mit dem Thema einleiten, dass die „irdische Großartigkeit nichts als Staub“ sei.

Die Personen des Melodramma spirituale sind allegorische Erscheinungen, redende Standpunkte. Zum Happyend führt das Streben der Seele (Anima) nach Unabhängigkeit von den Angeboten der Welt (Mondo), die den Körper (Corpo) in Versuchung führen: Vergnügen (Piacere), Lust, Reichtum, Macht. Sympathischerweise ist es der Verstand (Intelletto), der mit Gutem Rat (Consiglio) Anima und Corpo auf den rechten Weg ins Paradies manövriert.

Drei Orchestergruppen auf den Seitenbühnen und im Hintergrund: Erde, Himmel und das Dirigentenpult vorn quasi in der Hölle. Hier unten waltet René Jacobs, der regierende Fürst über die Aufführungspraxis alter Musik. Ob Oper oder Oratorium spielt in der Entstehungszeit der Gattungen keine Rolle, weil beide gerade erst geboren werden. In einer Vorrede der Partitur wird klar, dass Cavalieri sein geistliches Werk auf der Bühne sehen will. Es geht darin um Proportionen des Theaters, Tänze, Schmucksachen, die der geläuterte Corpo ablegt.

Bezwingend ist die lapidare Einfachheit der Musik, Sinfoniesätze, homorhythmische Chöre, Ritornelle, Soli in rezitativischem Stil. Jacobs steht nicht allein, wenn er in einem „Tip“-Interview zugibt, das Werk sei ihm anfangs irrigerweise „zu primitiv“ vorgekommen. „Die Musik Cavalieris ist unbedeutend“, lehrt nebst anderen „Die Geschichte der Oper“ des ehrwürdigen Hermann Kretzschmar, der sich als Kenner bahnbrechend für Spezialkurse zum „Vortrag alter Musik“ einsetzte. Cavalieri aber weicht ab von dem strengen Kontrapunkt der kirchlichen Kompositionen, von der Polyphonie, weil er singend rezitieren will, um verstanden zu werden. Verständlichkeit ist der Zauberschlüssel dieser Musik in der Landessprache im Gegensatz zur lateinischen. René Jacobs hat die Partitur mit einer großen Zahl von Instrumenten angereichert, wie sich der Komponist das offenbar vorgestellt hat. Und Jacobs erlaubt sich, Sinfonien von Johann Hermann Schein und Alfonso Ferrabosco so einzuschalten, dass Cavalieri seine Freude gehabt hätte. Die Farbpalette reicht von vier Harfen, verschiedenen Lauten, Posaunen, Orgel, Cembalo und Regal, Blockflöten, Cornetti, Dulzian, Gamben zu Violinen (mit Solo), Violen, Celli und Violone. Das Ensemble für Alte Musik fasziniert im Spaltklang von Tiefen und Höhen und in deren Mischung.

Aus dem im Ganzen wohlklingenden Ensemble ragen hervor: Johannes Weisser als Corpo, in seiner Verwundbarkeit kostümiert wie ein durchbohrter Heiliger Sebastian, Marie-Claude Chappuis als Anima mit einet schönen Echo-Szene, in der sie den Himmel befragt, Gyula Orendt als Tempo, sehr präsent trotz Indisposition, Marcos Fink mit dunkler Farbe als Mondo und zur Strafe für seine Verführungen als Anima dannata. Besonders eindringlich in Gesang und Darstellung der Mozart-Tenor Mark Milhofer, der noch bei Renata Scotto studiert hat, als Intelletto/Piacere. Dazu der Staatsopernchor, exzellent vorbereitet von Frank Markowitsch und eingebunden in das musikalische Spiel als Madrigal- und Höllenchor.

Das Thema zeichnet ein christliches Weltbild, das bis zum Widerspruch von Venusberg und Wartburg reicht. Hier bei Cavalieri in der bunten Interpretation von René Jacobs und Achim Freyer freut sich das Herz, weil auch im Himmel festlich gefeiert und getanzt wird.

Weitere Vorstellungen am 10., 13., 15. und 17. Juni

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