Staatsoper : Des Wahnsinns nette Beute

Die Berliner Staatsoper startet im Schiller-Theater mit der Uraufführung von Jens Joneleits „Metanoia“

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Stehen, schreiten, singen. „Metanoia“-Solistin Annette Dasch.
Stehen, schreiten, singen. „Metanoia“-Solistin Annette Dasch.Foto: Marcus Lieberenz / bildbuehne.de

Was für ein merkwürdig entseelter, beklommener, schmächtiger Abend! Eine festliche (Wieder-)Eröffnung und ausgelassene House-Warming-Party jedenfalls sieht anders aus. Tonnenschwer ruhten die Gewichte auf dieser Opernpremiere von Anfang an: 20 Jahre deutsche Einheit, die Quartiernahme der Berliner Staatsoper im Schiller-Theater, die Erweckung desselben aus seinem Blödelgastspieldornröschenschlaf, der Osten, der Westen, das Gedächtnis der guten, alten großen Zeit, da an der Charlottenburger Bismarckstraße noch großes Theater gemacht wurde, Beckett, Lietzau, Minetti, die mittlerweile geläuterte und mit stolzgeschwellter Brust flanierende hauptstädtische Kulturpolitik, das Fernsehen, der Promi-Auftrieb inklusive Alice Schwarzer. Puh.

Und natürlich der frühe Tod von Christoph Schlingensief, der Jens Joneleits „Metanoia – über das Denken hinaus“ hätte inszenieren, inspirieren, ja infizieren sollen. Sie verstünden sich nicht als Schlingensiefs Stellvertreter, betont das Produktionsteam, das kollektiv in die Bresche sprang, in einem ans Publikum verteilten Brief: „Es würde uns gefallen, diese Gemeinschaftsarbeit könnte als ein Dokument des Fehlens und gleichzeitig auch der Anwesenheit verstanden werden.“ Oder, um Boris Groys aus dem heftig theorieverliebten Programmheft zu zitieren: Gott sei zwar tot, Künstler wie Duchamp, Warhol oder Schlingensief aber würden seine Stellung halten, als große Kontemplative, als unbewegte Beweger – „damit die Aktivität weitergeht“.

Wenngleich die Freude an diesem 3. Oktober nicht überschäumen wollte, wie gesagt, kann die Kultur von solcher „Aktivität“ zunächst nur profitieren: Berlin immerhin erhält auf diese Weise sein viertes Opernhaus. Schmuck liegt es da, das ehedem so gebeutelte Schiller-Theater, blond strahlt sein Teppichboden 17 Jahre nach dem GAU, und wer sich einen „Metanoia“-Teller (Lachs, Käse, Wurst) gönnt und auf der nachtblauen Plüschbank unter dem großen Panorama-Mosaik im oberen Foyer Platz nimmt, der genießt viel Luft zum Atmen, klare Linien, Fünfziger-Jahre-Pepp ohne Penetranz.

Im Saal setzt sich das leider nicht so einhellig positiv fort. Die neue Bespannung der Bestuhlung (in Rot) schlägt unansehnliche Wellen, und dass die Kritik sich im ersten Rang versammelt sah, lässt für die Akustik wenig Gutes erahnen. Die aus der Staatsoper importierte Nachhallanlage war wohl kräftig im Einsatz – so richtig beurteilen lässt sich dies erst bei konventionellen Opern wie Wagners „Rheingold“ (ab 17.10.) oder Rossinis „Barbier“ (ab 19.10.). Der Orchestergraben wiederum wurde (aus akustischen Gründen?) so tief heruntergefahren, dass Daniel Barenboim mit langem Arm winken musste, um am Pult der Staatskapelle überhaupt bemerkt zu werden.

In den Wochen nach Schlingensiefs Tod hatte die Staatsoper versucht, den Fokus des Interesses auf den weithin unbekannten Jens Joneleit zu lenken – mit mäßigem Erfolg. Einerseits ist Joneleit kein Mann des Scheinwerferlichts und andererseits stimmt natürlich, was Carl Hegemann unlängst zu Protokoll gab, dass es nicht damit getan sei, „Christophs Wahnsinn“ auf ein 20-köpfiges Team zu übertragen, „und dann sind plötzlich alle ein bisschen wahnsinnig“. Dass nun ausgerechnet der Komponist einer neuen Oper, die Weltanschauliches transportieren will und ein „Drama der Wahrnehmung“ auslösen, sich am Ende als der am wenigsten Wahnsinnige entpuppt, gibt allerdings zu denken.

Es ist jede Menge Wagner, Richard Strauss und Alban Berg in Joneleits Musik, von der Orchesterbesetzung über die Behandlung der Stimmen bis zum dramaturgisch-tableauhaften Zuschnitt. Sanft ist sein Umgang mit der Elektronik (vom Experimentalstudio des SWR eingerichtet), sehr sanft, mal wispert es halb links im Nacken des Publikums, mal faucht oder knuspert es halb rechts.

Sehr viel mehr aber als eine in den besten Momenten verschmitzte Blütenlese aus dem, was das Musiktheater des 21. Jahrhunderts zu bieten hat, wenn es sich denn klanglich als konservativ begreift, ist hier nicht zu haben.

„Metanoia“ tönt, wie neue Opern gerne tönen: freundlich, fast kumpelhaft – und selten wirklich griffig oder angriffig. Die Sänger, wer wollte es ihnen verübeln, mögen das (Annette Dasch, Daniel Schmutzhard, Graham Clark, Alfred Reiter, Anna Prohaska).

Die Ohren jedenfalls spitzt man höchstens im ersten, von der Trommel regierten Orchesterzwischenspiel und im dritten, wenn der Klang nur langsam zu sich findet, wie ein großes, schweres, aus todesähnlichem Schlaf erwachendes Grabentier. Auch mit Schlingensief wäre Joneleits Musik keine andere gewesen. Vielleicht hätte man sie aber ganz einfach nicht so wichtig genommen, sie wäre von den hyperaktiven Entfesselungskapriolen auf der Bühne einverleibt, unsichtbar gemacht worden, wäre Nahrung gewesen, Material – und das hätte ihr entsprochen.

Im Theater der Gegenwart, sagen Schlingensief, Groys & Hegemann, werden keine Geschichten mehr von der Ähnlichkeit des Menschen mit dem Menschen erzählt, die hermeneutisch auszuwerten wären. Das Theater der Gegenwart schafft selbst Wirklichkeit, wie der Sexshop gegenüber vom Schiller-Theater oder die Ampeln am Ernst-Reuter-Platz. Ohne Schlingensief jedoch, posthum, scheint es nahezu unmöglich zu sein, die Wirklichkeit von „Metanoia“ zu bestimmen: Um was geht es hier? Was möchte René Pollesch in und mit seiner Überschreibung von Nietzsches „Geburt der Tragödie“ sagen (die Joneleit mithilfe des Dramaturgen Jens Schroth eigenhändig zum Libretto umformte)? Und: Brauchen schwadronierend ausufernde Texte wie dieser überhaupt eine Musik?

Zu verstehen ist nach schlanken 70 Minuten: so viel wie gar nichts. Irgendwie wird der Konflikt zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen verhandelt, Martin Wuttke als Dionysos’ Begleiter Silen stelzt in weißer Toga durchs Geschehen und spricht knarzend salbungsvolle Worte und ursprünglich – so viel immerhin hinterließ Schlingensief – sollte das Ganze offenbar im Körperinneren wüten, zwischen diversen, anarchistisch agierenden Organen (sic!) und mit Sängern und Choristen als Bazillen und Botenstoffen.

Davon ist in der Aufführung notgedrungen nicht viel übrig – und genau das macht die Sache mit dem „Denken“ so schwierig: Wenn man schon nichts versteht, dann möchte man sich doch wenigstens sinnlich, kulinarisch, dionysisch vergnügen! Mit ein paar Sperrholzlatten im Bühnenhintergrund und projizierten Schlingensief-Filmen darauf, mit einem in Ganzkörperstrumpfhosen steckenden Chor und schrillen Farben ist das nicht zu bewerkstelligen. Prompt wird so viel und so laut „gedacht“ wie selten in der Oper. Was gewesen wäre, wenn. Was ohne Christoph Schlingensief jetzt werden soll. Und wie tröstlich es doch ist, trotz allem, das Schiller-Theater wieder zu haben.

Wieder am 6., 8., 10., 12. und 16. Oktober

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