Kultur : Stadt aus Staub

Der Sammler Marc Barbey eröffnet seine Räume mit Berlin-Ansichten

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16 000 Negative. Barbey pflegt den Nachlass des Berliner Fotografen Hein Gorny. Foto: Mike Wolff
16 000 Negative. Barbey pflegt den Nachlass des Berliner Fotografen Hein Gorny. Foto: Mike Wolff

Wie ein Skelett wirkt Berlin, als die Fotografen Hein Gorny und Adolph C. Byers im Spätherbst 1945 im Tiefflug über der Stadt kreisen. Häuserstümpfe ragen aus den Trümmern. Fenster und Kuppeln sind geborsten, Dachstühle ausgebrannt. Der Tiergarten ist eine Staubwüste. Das Buchprojekt von Byers und Gorny ist als Abgesang auf die zerstörte Stadt gedacht. „In Memoriam“ lautet der Arbeitstitel.

Der französische Sammler Marc Barbey hat diese einzigartige Serie mit Luftaufnahmen vor drei Jahren entdeckt und auf der Stelle erworben. Es war der Moment, in dem seine Sammlung – vielleicht auch sein Leben – eine Wendung nahm. Systematisch folgte er Gornys Spuren, konnte ein zweites Konvolut von großformatigen Bildern erwerben; darunter einige Fotos von Friedrich Seidenstücker. Barbey machte Gornys Archiv mit 16 000 Negativen in einem Koffer ausfindig und erhielt schließlich von der Familie die Erlaubnis, den Nachlass zu verwalten. Wissenschaftliche und kuratorische Hilfe fand er bei dem italienischen Fotografen Antonio Panetta. Jetzt begleitet ein sorgfältig produzierter Katalog die erste Ausstellung, mit der Barbey seine Collection Regard in Berlin eröffnet.

Aus dem zeitlichen Abstand verwandelt sich der einstige Abgesang in eine „Hommage à Berlin“. Zugleich ist in den privaten Räumen auch eine gründliche Form des Sammelns zu erleben, die ihre Leidenschaft in den Dienst der Bilder stellt. „Indem man sich intensiv mit einer Sache beschäftigt, entsteht etwas Größeres“, glaubt Barbey. Der Franzose, ein Neffe des Magnum-Fotografen Bruno Barbey, ist seiner Frau nach Berlin gefolgt. Nun hat er seine Arbeit in der IT-Branche auf Eis gelegt, um sich seiner Sammlung zu widmen.

Hein Gornys Leben liegt bereits in Trümmern, als er gemeinsam mit A.C. Byers über die zerstörte Stadt fliegt. 1904 in Witten geboren, zieht er mit achtzehn nach Hannover und lernt den Umgang mit der Kamera als Autodidakt. Er befreundet sich mit den Fotografen Umbo und Albert Renger-Patzsch. 1932 heiratet er Ruth Lessing, die Tochter des Philosophen Theodor Lessing, der ein Jahr später in Marienbad ermordet wird. 1935 übernimmt Gorny in Berlin das Atelier von Lotte Jacoby und lebt erfolgreich von Werbeaufträgen. Die Bildserien über Kekse oder Bademoden sind in der nüchternen Strenge der Neuen Sachlichkeit gehalten. Sein Pferdebuch macht ihn einem breiten Publikum bekannt. 1938 fordert ihn die Reichspressekammer auf, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Die Ausreise des Paares in die Vereinigten Staaten scheitert. Gorny entgeht dem Arbeitsdienst, weil er Fotos von Gebirgsjägern macht. Sein Atelier wird von einer Bombe getroffen, ein Teil der Negative zerstört. Gorny wird süchtig nach Pervitin, dem Aufputschmittel der Flieger. Die letzten dreizehn Jahre seines Lebens verbringt er bis zum Tod 1967 in einer Heilanstalt.

„In Memoriam“ ist sein letztes Projekt, das er gemeinsam mit dem US-Soldaten Byers realisiert. Mehrmals fliegen die zwei Fotografen über die Stadt und halten aus der Luft die Silhouetten der Schwarzmarkthändler am Brandenburger Tor fest. Laublose Bäume werfen Schatten. Zu Fuß hat Gorny die Serie der Luftaufnahmen ergänzt. Die Bilder von der ausgehöhlten Reichskanzlei, vom Hotel Kaiserhof, einst Hitlers Quartier, ziehen Bilanz. Veröffentlicht wurden die Aufnahmen nie. Nach dem Krieg wollte keiner die Fotos von Berlin in Schutt und Asche sehen.

Collection Regard / Marc Barbey, Steinstraße 12; jeweils freitags von 14–18 Uhr.

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