Kultur : Stadt, Land, Kuss

Die Quartalszahlen für den deutschen Filmmarkt sind katastrophal. Die Branche setzt einstweilen auf gute Laune – mit zwei neuen Werbespots

Jan Schulz-Ojala

Die schlechte Nachricht zuerst. Nach dem katastrophalen Filmjahr 2005 – 127 Millionen verkaufte Tickets, satte 30 Millionen weniger als im Vorjahr und damit ein Minus von knapp 20 Prozent – rauscht der deutsche Kinomarkt weiter in den Keller. Im heute zu Ende gehenden ersten Quartal dieses Jahres wurden gerade mal eben 30 Millionen Tickets verkauft: absoluter Tiefpunkt seit der Jahrtausendwende. In den letzten fünf Jahren sind die Deutschen, zumindest im Winter, immer kinomüder geworden: Nach dem Höchststand von 46 Millionen verkauften Tickets im 1. Quartal 2001 ging es zuverlässig bergab. Mit anderen Worten: Schlimmer als jetzt geht’s – hoffentlich – nimmer.

Von derlei Horrorzahlen spricht die Branche naturgemäß ungern. So gesehen, war es vielleicht ein bisschen ungeschickt, die Berliner Pressekonferenz zur großen Besucherzusammentrommelkampagne unter dem Motto „Kino. Dafür werden Filme gemacht“ ausgerechnet auf ein Datum zu legen, das, einen unwesentlichen Aufwand an Neugier vorausgesetzt, zum statistischen Grobvergleich herausfordert. Nun aber die gute Nachricht: Dem interessierten Verbraucher steht in diesem so wenig zündend anhebenden Kinojahr nichts Geringeres als ein veritables „Filmfeuerwerk“ bevor. Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher und auch in der Vergangenheit mitunter als Berufsoptimist aufgefallen, führt zum Beleg für diese seine Metapher unter anderem die bevorstehenden Starts von „Ice Age 2 – Jetzt taut’s“ (6. April), „Asterix und die Wikinger" (11. Mai) und „Hui Buh, das Schlossgespenst“ (20. Juli) ins Feld, wo Bully Herbig offenbar gleich die ganze kindgerechte Familie verhexen soll.

Auch wenn schlichter Zweckoptimismus erfahrungsgemäß kaum aus Krisen heraushilft: Die Filmwirtschaft hat sich, mit großzügigen 1,2 Millionen Euro von der filmwirtschaftsfinanzierten Filmförderungsanstalt im Rücken, zur großen Gespensterverscheuchung entschlossen. Im Kern geht es um zwei Werbespots, die ab 13. April weitgehend flächendeckend auf die deutschen Leinwände niedergehen sollen. Spot 1 namens „Happy End“, für das überwiegend multiplex-affine Publikum gedacht, zeigt eben jenes Publikum in mancherlei Konfiguration beim mal vergnügten, mal verknutschten, mal atemlos gespannten, mal tränenreichen Kinobesuch. Prädikat: kurzweilig. Spot 2 mit dem Titel „Kopflos“, für den Einsatz im Hardcore-Arthousebereich vorgesehen, gemahnt mit schickem Blaustich unter anderem an die Stummfilmära: Ein kopfloses Paar eilt durch die Stadt und setzt sich die in einem Koffer mitgeführten Köpfe erst in der sicheren Nähe eines Filmkunsttheaters auf. Das gibt zu denken.

Dabei haben, und das ist erstmal beruhigend, die im Delphi-Kino versammelten Macher auf jede Frage eine Antwort. Warum den Spot im Kino zeigen, wenn das Publikum ohnehin bereits in selbigem sitzt? Auch ein gutes Produkt will immer beworben sein, weiß Kinoverbandschef Thomas Negele; nur habe man mit der Beherzigung dieser Erkenntnis vielleicht etwas später als andere Branchen angefangen. Andererseits: Wäre die Werbung massiv im Fernsehen nicht sinnvoller, um die faulen Couch-Potatoes zum Wechsel in den Kinosessel zu verführen? Gemach – auch TV-Werbung wird es geben. Und Plakate und Postkarten und Aktionen und und und.

Von der bösen DVD, die nach dem Kinostart in immer knapperen „Zeitfenstern“ auf den Markt drängt und in heimkino-ähnlichen deutschen Wohnzimmern dem guten alten (oder auch neuen) Filmpalast das Überleben immer schwerer macht, ist an diesem Morgen eher nicht die Rede. Noch weniger von den noch böseren Raubkopierern, die trotz unermüdlicher Anti-„Verbrecher“-Kampagnen unverdrossen die meisten neuen Filme spätestens zum Kinostart ins Netz stellen. Man hält sich ans Positive. Die einstige Kernzielgruppe der vor allem männlichen Teenies etwa mag aus tausenderlei Gründen neuerdings weggebrochen sein – na und? Wie gut, dass die Kinomacher die Lücke nun mit einer Gruppe zu füllen trachten, die sie ausdrücklich die „best ager“ nennen. Best was? Gemeint ist damit, altersweitsichtig geschätzt, die Generation 44 plus.

Noch was Gutes: Die beiden Werbespots, stilistisch zwar grundverschieden, haben zumindest eine gemeinsame visuelle Botschaft, die auch finstersten Kritikern einfach ans Herz gehen muss. Ob „Zorro“ oder „Zelig“: Der erste Kuss gehört ins Kino.

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