Kultur : Stadt-Philosoph und Weiterdenker

Zum 75. Geburtstag von des Autors und Intellektuellen György Konrad.

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György Konrad
György Konrad. -Foto: Tsp

Wie sich sein Vorname ausspricht, haben die meisten in den fünf Jahren, in denen György Konrad Präsident der Berliner Akademie der Künste war, nicht gelernt. Um so nachhaltiger wirkte die sensitive Art, in der er sein Amt führte, zumal die Reden in seinem ungarisch weich gespülten Deutsch, das sich oft – je länger er sprach – in ein raunend-melodiöses Klangerlebnis transformierte. Und klug waren sie auch. Sie pflegten einen subtilen Umgang mit der Kunst, die er einmal das „diesseitige Jenseits des Bürgers“ nannte und rückten das Wieder- und Neugründungsunternehmen namens Berlin in einen anspruchsvollen, anregenden Kontext. Da wurde spürbar, dass der gelernte Soziologe, praktisch erprobte Urbanist und Roman-Autor Konrad seinem intellektuellen Zuschnitt nach eine Art Stadt-Philosoph ist, allerdings herausgewachsen aus dem Ringen der osteuropäischen Intelligenz mit dem real existierenden Sozialismus in den sechziger und siebziger Jahren, in denen eine neue, gleichgerichtete Gesellschaft entstand.

In dieser Auseinandersetzung, die – wie wir heute wissen – die über ein, zwei Generationen sich hinziehende Inkubationszeit des ost-mitteleuropäischen Emanzipationsprozesses war, der 1989 ans Ziel kam, ist Konrad eine zentrale Gestalt gewesen. Mit ihm verbindet sich das Postulat eines erneuerten Mitteleuropa, das einer der treibenden Gedanken in diesem Prozess der Selbstbesinnung und Selbstbefreiung war – seine „Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen“, 1985 auf Deutsch erschienen, war eine Art Programmschrift dafür. Konrad hat für diese Existenz mitten in den Konflikten seiner Zeit seinen Preis entrichtet: Arbeitsplatzverlust 1973, Verhaftung 1974, nach der Freilassung Arbeit in einer Nervenheilanstalt, Publikationsverbot.

Zugleich suchte Konrad blockübergreifend zu leben, in Ungarn, aus dem zu emigrieren er sich weigerte, und im Westen, mit einer gewissen Vorliebe für Berlin, wo er sich zum ersten Mal 1976 aufhielt. Der Intellektuelle, der auf der politischen Schneide ritt, blieb immer auch Literat. Die humane Noblesse, die der freundliche Mann, der Friedenspreisträger 1991, im Haus am Hanseatenweg verbreitete, erlaubte den Deutschen, nicht daran zu denken, dass den Grund dieses gewagten Lebens das Schicksal eines mitteleuropäischen Juden seiner Generation bildet: die meisten Verwandten Opfer des Holocaust, die Eltern Auschwitz-Überlebende, ihn selbst retteten glückliche Umstände. An diesem Mittwoch wird György Konrad, eine Instanz im ost-westlichen Gelände, berlinisch anverwandelt, 75 Jahre alt. 

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