Kultur : Stadtlandschaften

Michaela Nolte

Das Brandenburger Tor muss man zunächst einmal suchen. Thomas Hartmann rückt in dem gleichnamigen Bild das Wahrzeichen an den Bildrand und lässt es in pastosen Farbschichten untertauchen. Darüber öffnet sich Berlin als schräge Rampe. Die Stadtlandschaften des 1950 geborenen Malers zielen weder mimetisch noch architektonisch auf Eindeutigkeit. Gleich inneren Veduten umkreisen sie das Gefühl des Großstadtmenschen. Subtil und ohne Glorifizierung sezieren sie den Strudel der Einsamkeit in der Überfülle.

Wer Berlin gut kennt, erkennt es bei Hartmann gerade im Nicht-Abbildhaften und in der extremen Vogelperspektive erstaunlich klar wieder. Im expressiv-informellen Duktus verschwindet die Architektur oder wird in Übermalungen mit einem Raum über dem städtischen Raum versehen. Während "Berlin mit Tiergarten" (22 300 Mark) den Park selbst nur schematisch umreißt, ragt über dem Pariser Platz deutlich die Skulptur von Frank O. Gehry, die sich eigentlich durch das Auditorium der DG-Bank schlängelt.

Auch in "Museumsinsel" (12 000 Mark) deutet die Kuppel des Bodemuseums nur den Ort an, der von dynamischen Farbflecken, Linien und offenen Kuben überlagert wird. Was bleibt, ist die Bewegung der Stadt, die sich nicht real erschließen lässt. Fast schwindelerregend dynamisch gerät "Berlin II" (22 300 Mark). Die flachsfarbene Oberfläche löst sich in unzähligen Pinselhieben auf, changierend zwischen amorpher Menschenmasse und Hochhäuser-Meer. Stand die Stadt in Werner Heldts Nachkriegs-Zyklus "Berlin am Meer" im Zeichen eines besonnenen, hoffnungsvollen Aufbruchs, scheint das "Neue Berlin" in den Bildern Hartmanns wieder in den Zwanzigern angelangt, als der Dadaist Richard Huelsenbeck schrieb: "Sie zieht dich nicht in sich hinein wie Paris, sie nagelt dich nicht fest wie Moskau, sie frisst dich nicht auf wie New York oder Shanghai. Berlin ist eine Bewegung ohne Mittelpunkt."

Der Fluss zwischen den parallel entstehenden Bildern ist für den Künstler ein wesentliches Moment, denn: "Das Wichtigste beim Malen ist das Laufen." Auf den Wegstrecken scheint die Zeit in der Bewegung eingefroren. Hartmann hat keine Eile, und trotz der großen Formate schlägt er keine schrillen Töne an. Die Bilder werfen leise Fragen auf, wenn etwa das "Weltkulturerbe" (19 000 Mark) Bode- und Pergamon-Museum heranzoomt und diese von einer schwarzen, starren Spree eingekesselt zeigt.

Bisweilen scheint dieser Blickwinkel von der Fotografie und der Installation der 90er Jahre mitgeprägt zu sein. Hartmann vermittelt deren Aspekte von Zeit und Raum in seinen Bildern, ohne dabei modischen Trends zu erliegen; aber auch ohne der Malerei wesentliche Neuerungen abzugewinnen. Solide und Bild für Bild spannungsreich durchstreift er verschiedene Stile der abstrakten Malerei; findet im expressiven Gestus zugleich das konstruktiv-konstruierende Element, das die Bilder vor allzu emotionaler Impulsivität bewahrt. Der subjektive Blick der "Berliner Ansicht" (10 000 Mark) liegt unter dichten Farbschichten, die an einen freundlichen, bläulich-grünen Schimmelpilz erinnern.

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