Kultur : Stadtwärts und querfeldein

KATRIN BETTINA MÜLLER

Ein Stahlbalken drückt in das Polster einer Ledercouch: Warum fühlt man bei diesem Anblick gleich die unangenehme Kälte der harten Stahlkanten im Rücken? Die nackte Glühbirne dicht über dem Balken verstärkt die Anmutung von gestörter Geborgenheit.

Doch Paul Pfarrs Projekt "Hölderlin Räume" beschränkt sich nicht nur auf diese eine Inszenierung.1985/1986 schickte der sechzigjährige Berliner Künstler Leder und Stahl auf Wanderschaft.Fotos dokumentieren, wie die schmale Liege von einem Kran aus dem Atelierfenster gehoben wird, wie sie neben Schienen wartet oder vor dem Gitter eines geschlossenen S-Bahnhofes.Von Bild zu Bild steigert sich der Eindruck des Verlorenen.In Tübingen nahm Pfarr das Bett auf einem zugeschneiten Feld und an Hölderlins Grab auf.Nur einmal nehmen Schafe den Fremdkörper in ihre Mitte: Sie spenden in all der Kälte die einzige Wärme.

In "Hölderlin Räume" spielte Pfarr den Bezug zwischen künstlichem Objekt und Kontext in den Ortswechseln durch.Balken und Bahre sind diesselben geblieben, und doch haben sie durch die Reise an Kraft der Symbolisierung gewonnen.Von den meisten Fundstücken Pfarrs kann man die Herkunft erraten.In den Aschekästen ist der Berliner Altbau mit Kachelofengemütlichkeit gegenwärtig und der Tisch mit den Blechtassen aus der russischen Kaserne gehört ebenso zur Geschichte der eingemauerten Stadt wie die Bäume, in deren Rinde Stacheldraht eingewachsen ist.

Doch ihre Spannung gewinnen die Dinge nicht allein aus der Spurensicherung.Ihre Authentizität wird vielmehr zu einem Potential der Imagination.Bleche, rostig, zerknittert, durchlöchert; zerbeulte Schüsseln; Fragmente von Handwerkszeug: All diese Spuren von Verschleiß, Abnutzung und Demontage entfalten eine Aura des Vergänglichen.Ihre Anordnung fordert Behutsamkeit gegenüber den Dingen ein.

In ihrem Gedächtnis entdeckt Pfarr immer wieder Spuren des Krieges.Auch dort, wo die Fundstücke nicht eindeutig von der Geschichte besetzt sind, entstehen Bilder von Gewalt."Vollzug" heißt ein Feld aus 250 Sensenblättern, die aufrecht auf dreibeinigen Stativen stehen.Scharf und spitz ist jede Klinge.Ihre Anordung erinnert an ein Feld voller Schilf; die Krümmung der Sensen ahmt den Wind zwischen den Pflanzen nach.Was ursprünglich als Gegensatz gedacht wird - Gewalt und organisches Wachstum -, fällt in diesem Bild zusammen.Zugleich ist die Vorstellung der durch Waffen abgesicherten Stärke eine Illusion, denn wenn nur eines der Stative umkippt, reißt es das ganze Feld mit.Neben den von Menschen bearbeiteten Formen haben Pfarr in den letzten Jahren Steine beschäftigt.In Schieferplatten, blättrig wie Papier, ritzte er einen Text von Roger Caillos: "Der Mensch beneidet sie um ihre Dauerhaftigkeit, ihre Härte, ihren Starrsinn und Glanz".Doch die Ewigkeit des Steins ist eine Frage der Perspektive.Pfarr sammelt Windkanter, von nichts als Luft scharf geschliffen, und verbindet sie mit Leuchtröhren.In dieser Kombination liegt eine Ahnung, daß wir die Steine brauchen werden, um in einer aus Licht und immateriellen Bildern geschaffen Welt die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Das Haus am Waldsee setzt mit der Retrospektive Paul Pfarrs seine Ausstellungsreihe über Gedächtnisformen in der Kunst fort.Schon der Katalog Pfarrs, in dicker Pappe mit Prägedruck gebunden, ästhetisiert das Handwerkliche.All seine Sammlungen sind auch eine Hommage an die menschliche Arbeitskraft.In Zeiten, in denen die Arbeit nicht mehr ausreicht, jedem die Teilhabe an der Gesellschaft zu sichern, erfährt sie in der Kunst eine fast romantische Verklärung.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 13.Dezember, Dienstag bis Sonntag 12 - 20 Uhr.Katalog 36 DM.

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