Kultur : Stalinki

Stalinbarock

Bernhard Schulz

Auf dem „1. Allunionskongress der Stachanow-Arbeiter" 1936 gab Stalin als Losung aus: „Das Leben ist besser geworden, das Leben ist fröhlicher geworden.“ Ein größerer Gegensatz zur tatsächlichen Situation in der Sowjetunion dieser Zeit ist schwerlich denkbar: Die Jahre des „Großen Terrors“ standen unmittelbar bevor, Millionen von Menschen verschwanden im - Archipel Gulag. Doch die Künste sprachen vom „besseren Leben“; umso mehr, je schlimmer die Realität war. Das ist der ideologische Kern, der Auftrag dessen, was unter dem Begriff „Stalin-Barock“ noch verharmlosend daherkommt. Die Kunst der Stalinzeit ist eine der vollständigen Irrealität: Sie gibt nicht wieder, was ist, sondern, was sein soll (Ý Groys). Die Opulenz aller kulturellen Äußerungen folgt der Strategie der Überwältigung. Seine bleibendsten Zeugnisse hat der Stalin-Barock in der Architektur hervorgebracht, insbesondere in der als Hauptstadt des Weltproletariats konzipierten Hauptstadt Moskau. Sieben gewaltige, mit Turmhelmen und Zinnen bekrönte Hochhäuser rings um das historische Zentrum bestimmen bis heute das Bild der Stadt. Es ist die Ironie der Geschichte, dass das größte aller geplanten Bauwerke, der zuletzt auf 400 Meter Höhe projektierte „Palast der Ý Sowjets“ unausgeführt blieb. Heute steht dort eine Kopie der für das Palast-Vorhaben abgerissenen Christ-Erlöser-Kathedrale.

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