Stalins Herrschaft : Terror ohne Grenzen

Alles Gerede vom Sinn des Terrors ist falsch, schreibt Jörg Baberowski in seinem aufwühlenden Buch "Verbrannte Erde". Der Stalinismus war keine Modernisierungs-Diktatur, sondern eine Herrschaft des Bösen.

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Der „Woschd“. Josef Stalin in einer offiziellen Fotografie des Jahres 1932. Foto: akg-images
Der „Woschd“. Josef Stalin in einer offiziellen Fotografie des Jahres 1932. Foto: akg-imagesFoto: akg-images

Nicht oft beginnt ein wissenschaftliches Werk mit dem Eingeständnis, den eigenen Standpunkt revidieren zu müssen. Jörg Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin, erklärt es ohne Umschweife. „Es soll Historiker geben, die ihr Leben lang an Meinungen festhalten und sie in den Rang ewiger Wahrheiten erheben“, schreibt er gleich auf der ersten Seite seines neuen Buches, „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“, und der elektrisierte Leser wird mitgenommen auf den Weg der Zurückweisung all jener Hypothesen, die irgendeinen geschichtlichen Sinn behaupten oder auch nur retten wollen in der jahrzehntelangen Gewaltherrschaft des Stalinismus. Baberowski lässt keine teleologische Hintertür offen, nicht die Vision vom „neuen Menschen“, nicht von der kommunistischen Gleichheit, auch nicht die von der „negativen Dialektik“ der Moderne. Stattdessen: „Stalin war Urheber und Regisseur des millionenfachen Massenmordes.“ Und: „Erst im Ausnahmezustand konnte ein Psychopath wie Stalin seiner Bösartigkeit und kriminellen Energie freien Lauf lassen.“

Das ist starker Tobak – jedenfalls für jene Leser, die im Stalinismus noch immer eine zwar unschöne, aber letztlich doch notwendige Entwicklungsstufe der Sowjetunion sehen, weil sie sie sehen wollen. Jene aber, die sich näher mit der Geschichte und dem Alltag des Stalinismus, vor allem diesem Alltag und vor allem in den späten dreißiger Jahren, beschäftigt haben, müssen sich fühlen wie die Beifallsklatscher irgendeiner Parteiversammlung in der Episode, die Baberowski von Solschenizyn zitiert, jene, die nicht aufhören, beim Namen Stalins zu klatschen, minutenlang, bis es der Parteisekretär endlich doch tut – und prompt noch in derselben Nacht verhaftet wird. Baberowski klatscht nicht länger mit.

Es beeindruckt, mit welchem Kenntnisreichtum er seine eigene Widerlegung betreibt. Sie trifft vor allem die in den vergangenen Jahrzehnten dominierende Denkschule, die den Stalinismus als Modernisierungsdiktatur begreift und „soziale Konflikte“ und sogar den „Großen Terror“ von 1937/38 als Begleiterscheinung der Ausbreitung völlig neuer Schichten innerhalb der Sowjetgesellschaft zuschreibt. Indes zeigt sich, dass ein solcher Stalinismus ohne Stalin vor der Erklärung des Terrors versagt.

„Die bolschewistische Herrschaft verwandelte sich in eine Despotie, in der die Willkür des Diktators den Alltag der Funktionäre und ihrer Untergebenen strukturierte“, bilanziert Baberowski: „Von dort breitete sie sich in alle Lebensbereiche aus.“ Wie sich diese Ausbreitung vollzog und dass sie auf den obersten Willen hin erfolgte, lässt sich seit der Öffnung der Archive belegen. Als Erstes räumt Baberowski mit der Behauptung auf, es habe einen „Stalinismus von unten“ gegeben: „Wir müssen uns im Gegenteil eine schwachen Staat vorstellen, dessen Repräsentanten Gefallen an der Inszenierung des permanenten Chaos und der Gewalt fanden, weil sie nur so ihren Herrschaftsanspruch ständig in Erinnerung halten konnten.“ Es gab Widerstand, so erheblich, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft in einen veritablen Bürgerkrieg führte. Der Terror sei „vor allem eine Antwort auf das Unvermögen der Machthaber“ gewesen, „ihren totalen Anspruch durchzusetzen“.

Wie diese Durchsetzung beschaffen war, ist in den zurückliegenden Jahren in einer Fülle von Forschungsleistungen bekannt geworden. Man wusste es allerdings im Grunde seit jeher. Bereits die Lektüre der stenografischen Protokolle der beiden Moskauer Schauprozesse der Jahre 1937 und 1938, die die Sowjetregierung als Rechtfertigung vor einer schockierten Weltöffentlichkeit in mehreren Sprachen publizieren ließ, hätte genügt, um die Wahnwelt des Stalinismus mit ihren fürchterlichen Folgen zu erkennen. Aber in der Perspektive, in der Baberowski den heutigen Kenntnisstand zusammenfasst, gewinnt das Stakkato der Verbrechen eine nochmals eindringlichere Qualität.

Wie aber gelang es Stalin, diese Allmacht auf sich zu konzentrieren? Auch da hält sich Baberowski nicht mit langen Erläuterungen des kommunistischen Gedankenguts auf, wie es, dies nebenbei, in verklärender Weise von der westeuropäischen Linken nachgebetet wurde und wird. Der 1922 zum Generalsekretär avancierte Stalin schuf sich in der vom Bürgerkrieg geprägten Partei ein Netz von Gefolgsleuten und Günstlingen, das sich den ideologisch beschlagenen Altbolschewiki, an der Spitze Bucharin als vermeintlicher „Liebling der Partei“, turmhoch überlegen zeigte. Gewaltbereitschaft wurde zum Signum der neuen Funktionärselite. „Stalins absolute Macht erwuchs aus der Grenzenlosigkeit des Terrors“, bilanziert denn Baberowski folgerichtig nach den ersten 250 quälenden Seiten der Darstellung des Beziehungs- und Denunziationsnetzes, das der Diktator gesponnen hatte, und das das Urteil, Stalins Herrschaft orientiere sich „am Modell der Mafia“, ebenso bestätigt wie sogar noch übertrifft. Dazu gehört nicht zuletzt die Sippenhaft, die Stalin – wie ausgerechnet ein Getreuer, der bulgarische Komintern-Chef Dimitroff, in seinem Tagebuch festhielt – zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution in einem langen Trinkspruch ankündigte: „Auf die Vernichtung aller Feinde, ihrer selbst, ihrer Sippe – bis zum Ende!“

Die Nazi-Ideologie mit ihrem Rassenwahn ist als zutiefst nihilistisch bezeichnet worden. Aber genau dieser Nihilismus kennzeichnet eben auch den Stalinismus. So sind die vielleicht bedrückendsten Kapitel dieses bedrückenden Buches diejenigen, die die – weit weniger bekannte – späte Stalinzeit nach dem Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ beschreiben. Armut, Hunger, Verwahrlosung herrschen, sogar mitten in Moskau; wofür Baberowski eine Fülle von Quellen erschließt. Schließlich endet der stalinistische Terror abrupt, weil der Diktator stirbt und die politischen Erben des gegenseitigen Mordens müde sind. Gerade darin enthüllt das Ende des Stalinismus dessen nihilistischen Charakter, der in nichts anderem bestand als in der Selbsterhaltung einer einmal in Gang gesetzten Terrormaschinerie.

Allerdings begann der Terror nicht erst mit Stalin. Lenin selbst war es, der die ersten Konzentrationslager einrichten ließ, den Kern des Gulag-Systems, dem einmal mehr als zweieinhalb Millionen Menschen gleichzeitig unterworfen sein sollten, die Millionen rings um die Lager lebender und vegetierender Ex-Häftlinge gar nicht gerechnet. Auf den Solowetzki-Inseln hoch im Norden wurden nicht nur Priester und Intellektuelle eingekerkert, sondern ebenso die aufständischen Matrosen von Kronstadt 1921, die die Prinzipien der „proletarischen Revolution“ verteidigen wollten. Auf diese unselige Tradition des Terrors, der den Stalinismus nicht etwa als bloße Abweichung von der „richtigen“ Lehre verniedlicht, macht Richard Buchner in seinem nicht minder materialgesättigten Buch „Terror und Ideologie. Zur Eskalation der Gewalt im Leninismus und Stalinismus (1905– 1937/1941)“ aufmerksam (Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2011. 544 S., 44 €). Buchner, der bereits 1967/68 in Moskau studierte, später am Osteuropa-Institut der FU Berlin unterrichtete und sich heute 71-jährig um die Potsdamer NKWD-Gedenkstätte kümmert, hat eine Materialsammlung des Schreckens zusammengetragen, die Baberowskis illusionslose Sicht nur unterstreicht.

Was über der Fixierung auf die Gewalt in all ihrer an den Rand der verstandesmäßigen Erfassung führenden Monstrosität bei Baberowski zu kurz kommt, ist das, was in der Sowjetunion gleichzeitig mit den Jahren des Terrors geschaffen wurde. Wie sehr der Alltag auch ein alltäglicher Albtraum gewesen sein muss, und nicht nur in den Jahren der „Jeshowschtschina“ 1936/38, so wurden dennoch Fabriken aus dem Boden gestampft, Häuser hochgezogen, Traktoren aufs Feld geschickt, von Kunst und Kultur – wie ideologieverdreht auch immer – nicht zu reden.

Die Angst vor dem allgegenwärtigen Gulag beherrschte Tun und Träume. Es herrschte das Leben in Angst, aber es war eben auch ein Leben inmitten und trotz der Angst. Das zu beschreiben, ist ein eigenes Buch vonnöten, eines allerdings, das aufs Genaueste Kenntnis nimmt von dem neuen Werk des Berliner Historikers. Es revidiert eine frühere Position, indem es eine neue aufrichtet, hinter die die Forschung nicht mehr zurückkann.









– Jörg Baberowski:
Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, 606 Seiten, 29,95 Euro.

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