Kultur : Standortfaktor Mittelfeld

REGINA KOETHE

Theatermacher und Theaterfans kamen am letzten Wochenende auf die "Cockerwiese" in Dresden, unweit des großen Fußballstadions und vis-à-vis vom Deutschen Hygiene Museum.Anfang der neunziger Jahre tummelten sich hier Tausende bei einem Konzert des Rockmusikers Joe Cocker."Danach kam der Cocker wieder richtig gut ins Geschäft", meint der Taxifahrer.Drei Tage fand an diesem legendären Ort die erste deutsche Theatermesse in einer eigens dafür aufgebauten Zeltstadt statt.149 Aussteller, darunter Theater, freie Gruppen, Firmen für Bühnentechnik, Ticketing und einige Kulturmanager präsentierten sich mit ihrem Angebot.Im gedämpften Licht der Zelte traf sich ein buntes Volk, das häufig nicht so genau wußte, was es konkret von der Messe erwarten sollte.

Die Schauspielerin und Choreographin suchte nach Sponsoren, das Stadttheater wollte für neues Publikum werben und der Softwarevertreter mit Verwaltungsleitern der Theater sprechen.Den Austausch zwischen Wirtschaft und Kultur zu fördern und neue Netzwerke entstehen zu lassen, das war Ansatzpunkt der Veranstalter der Theatermesse.Entstanden aus der Erfahrung, daß die traditionellen Wege der Finanzierung von Kultur durch öffentliche Gelder immer enger werden, wollten die Organisatoren eine Plattform für Austausch und neue Kooperationen schaffen."Es geht uns nicht um künstlerische Beurteilungen, sondern in erster Linie um Fragen der Präsentation, Vermarktung und Finanzierung", sagte Wolfram Schöttler von der Gesellschaft für Bühnenmanagement Passau, die gemeinsam mit der Dresdner Ausstellungsgesellschaft die Messe ausgerichtet haben.

Zielgruppe der Messe ist das "Mittelfeld", diejenigen Theater, freien Gruppen und Veranstalter, die noch Bedarf an Informationen über Vermarktungsstrategien und Kontaktmöglichkeiten haben.Denn besonders freie Gruppen und kleinere Veranstalter müssen angesichts der Kürzungen der öffentlichen Mittel neue Wege zur Realisierung ihrer Produktionen finden.Zu kurze Planungszeiten, unrealistische Produktionskosten und fehlende Kooperationspartner bedeuten heute das Aus für Projekte.Das heißt konkret: zusätzliche Geldquellen für Theater und Gruppen erschließen, die Organisation optimieren, Sponsoren und Produktionspartner finden, Gastspiele und Tourneen planen.Nun ist die deutsche Theaterlandschaft breit gefächert, und die Interessen der Häuser und Veranstalter sind stark divergierend.So befanden sich auf der Messe nebeneinander das Staatstheater Cottbus und das Stadttheater Chemnitz, freie Veranstalter wie das Schloß Bröllin und das Puppentheater Von der Tenne.Neben den Kulturbetrieben und Künstlern sollen laut Veranstalter auch Dienstleister wie Versicherungen und Softwareanbieter auf der Messe neue Kunden akquirieren.Henrik Felbier, der junge und ambitionierte Geschäftsführer der Gesellschaft für Bühnenmanagement, war mit der Resonanz bei diesem ersten Messeauftritt zufrieden.

Doch das Rahmenprogramm mit Diskussionen über die Annäherung von Kultur und Wirtschaft ließ an Koordination und Moderation zu wünschen übrig.Da wurde dem Fachpublikum am Freitag zum wiederholten Male der Unterschied zwischen Mäzen und Sponsor erläutert.Im Anschluß wurde über Strategien bei Musikfestivals diskutiert.Auf dem Podium sprach Matthias von Hülsen, Intendant der Festspiele von Mecklenburg-Vorpommern, über die Erfolge der Veranstaltungsreihe und die Kopplung touristischer Attraktivitäten mit kulturellen Veranstaltungen.Vom dortigen Staatstheater Schwerin und dessen Finanzmisere sprach man jedoch nicht.Dabei hätte es Not getan, auf diese Diskrepanzen hinzuweisen und die unterschiedlichen Interessenlagen sowie den Finanzbedarf zu erörtern.Das wäre genau das gewesen, was sich die Veranstalter der ersten Theatermesse auf die Fahnen geschrieben hatten: Über neue Wege der Finanzierung des Theaters zu diskutieren.Der Trend im Sponsoring ist bereits bekannt: Kulturprodukte der A-Klasse finden relativ schnell einen Sponsor, weil die Unternehmen sich gerne mit ihnen identifizieren.

Gerne unterstützen die Firmen große Namen, diese Erfahrung hat auch Michael Hermann vom Rheingauer Musikfestival gemacht."Die teuren Konzerte verkaufen sich am schnellsten." Denn rechnen muß sich das Engagement für die Kultur, das betonten die Vertreter der Wirtschaft immer wieder.Ob als "weicher Standortfaktor", der die Attraktivität der Region erhöht, oder als Imagefaktor für das Unternehmen; die Firmen wollen die sogenannte "Umwegrentabilität" möglichst direkt verfolgen können.Für ambitionierte, aber noch unbekannte Künstler oder ausgefallene Produktionen finanzielle Unterstützung zu finden, das ist nach wie vor schwierig.Langfristige Partnerschaften und differenziert angelegte Programmkonzepte sollen hier Abhilfe schaffen.Doch zeigt sich besonders an diesem Punkt, daß die Interessen regionaler Unternehmen nur bedingt mit den Vorstellungen von künstlerischen Leitern kompatibel sind.Ob nun allerdings eine kommerzielle Messe hier Abhilfe verschaffen und innovative Wege eröffnen kann, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Ein Aspekt wird gewiß sein, ob die "alten Hasen" des Kulturbetriebs und die etablierten Kulturbetriebe die Messe als neuen "Marktplatz" annehmen und fördern werden.Dresden ist ein attraktiver kultureller Standort, doch fragt sich, ob nicht die Anbindung der Messe an ein Kulturereignis, wie an das Berliner Theatertreffen, für die Zukunft sinnvoller ist.Denn darüber ließen sich Ressourcen und Aufmerksamkeit bündeln und auch diejenigen zur Messe locken, die sonst nicht eigens anreisen würden.Denn der persönliche Kontakt ist entscheidend - auch in der Kunst.

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