Stasi-Stürmung : Das haben wir nicht getan, sagt der Stolz

Vor zwanzig Jahren wurde die Berliner Stasizentrale gestürmt. Eine psychoanalytische Würdigung.

Vera Kattermann
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Die Überreste des Zorns. Blick in einen Korridor des Berliner Ministeriums für Staatssicherheit. -Foto: dpa

Die Zentrale der Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg war in den Wirren der Wende von 1989/1990 für kurze Zeit Schauplatz kollektiven symbolischen Handelns: ein Ort, der Stoff für historische Dramen bietet. Kleinere Bürgerrechtsgruppen hatten schon im Dezember Zutritt zum Gebäude gefordert, am 15. Januar 1990 versammelten sich dann rund 2000 Demonstranten – zunächst nur, um Eingänge zuzumauern. Schließlich stürmten und besetzten sie die Stasi-Zentrale: ein Akt kollektiven Aufbegehrens als endgültiger Bruch mit einem Regime, das Repression per Kontrolle zur Staatsdoktrin erhoben hatte.

Zwar waren nach Aktionen der Bürgerrechtsbewegungen schon 93 Prozent aller Stasidienststellen auf Kreisebene aufgelöst worden, die Zentrale der Macht jedoch funktionierte noch immer. Sie koordinierte und plante die gegenseitige Überwachung der Bürgerinnen und Bürger, die über Jahrzehnte für eine Atmosphäre des Misstrauens und der subtilen Bedrohung gesorgt hatte.Viele soziale Beziehungen sind davon bis heute vergiftet und korrodiert. Die Mauer als Symbol räumlichen Gefangenseins und politischer Unfreiheit fand in der Stasizentrale ihre geistig-seelische Entsprechung. Hier hatten die DDR-Machthaber detailliertes Wissen akkumuliert, als handele es sich um ein lebensverlängerndes und machterhaltendes Elixier.

Die Akte per se wurde zum Fetisch. Gleichwohl zu einem zwanghaft übersteigerten Kontrollfetisch, drohte die Befriedigung über die Herrschaft doch immer in die Ohnmacht des Nichtwissens zu kippen. Für die Überwachten hingegen bedeutete das Wirken der Staatssicherheit einen Angriff auf Würde und Intimsphäre, auf spontane Lebendigkeit und Entfaltung und schlimmstenfalls, in den Folterzimmern des Apparats, auf die Integrität von Körper und Seele.

So war der Sturm auf die Stasi-Bastille logischerweise mit Gewalt verbunden. Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Akten und Inventar zum Teil rauschhaft zerstört. Die Wut über Entmündigung, Verfolgung und übergriffige Kontrolle verlangte nach sichtbaren Zeichen der Vernichtung. Die Befreiung vom Herrschaftssystem der DDR war erst mit der Zerschlagung seiner seelischen Unterwerfungsstrategien wirklich vollzogen. Der Jahrestag der „großen“ Besetzung der Stasizentrale ist somit in seiner symbolischen Bedeutung ein ebenso wichtiges Datum wie der Jahrestag des Mauerfalls.

Aus westdeutscher Perspektive sind diese Ereignisse schwierig zu betrachten. Denn allzu oft wird die Stasi zur pauschalen Chiffre des Bösen, zur Legitimation für die Entwertung der DDR, die man – wie im Oscar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“ – auf die Formel „kurios, heimtückisch, aber letztlich erbärmlich“ reduziert. Die eigentliche, vielschichtige Perfidie des Überwachungs- und Bestrafungssystems wird so jedoch nicht erschlossen. Dabei handelt es sich um eine Perfidie, die auch in familiären Kontexten anzutreffen ist. Tamara Trampes Dokumentarfilm „Der schwarze Kasten“ (1991) verdeutlicht dies auf eindringliche Weise: Er porträtiert einen Stasi-Offizier, der als Kind von seinen Eltern ähnlich überwacht und kontrolliert wurde, wie er selbst es später beruflich perfektioniert und auch gelehrt hat. Das Erkennen dieser Zusammenhänge und der Wunsch nach Befreiung von derlei Unterdrückungsmechanismen transzendiert die vermeintlich „ur-östliche“ Angelegenheit. Aus den Abgründen familiärer Dynamiken wird er zu einer potenziell teilbaren Erfahrung.

Zudem verbindet Ostdeutsche und Westdeutsche das seelische Erbe der Eltern- oder Großelterngeneration. Jene neigten im nationalsozialistischen Alltag ebenso zur gegenseitigen misstrauischen Überwachung von privaten und öffentlichen Gesinnungsgesten. Und auch hier wurden dazu monströs aufgeblähte Feindbilder beschworen. Das Phänomen Stasi steht somit in einer durchaus gesamtdeutschen Traditionslinie. Und mit der Zerschlagung der Staatssicherheit wurde möglicherweise gerade dies nachgeholt: der Bruch mit den nationalsozialistischen Wurzeln einer totalitären Dynamik von Kontrolle und Unterwerfung.

Bis zur Wende war die Stasizentrale vollständig abgeschirmt, unzugänglich, unheimlich – und nicht zuletzt deshalb eine machtvolle Institution. Diese Macht wurde im Januar 1990 zerschlagen. Die Demonstranten brauchten Mut, die Barriere gefühlter Bedrohung und totaler Beherrschung zu überwinden und den einstigen Verfolgern und ihrem Herrschaftsapparat die Stirn zu bieten.

Die Qualität des historischen Dramas liegt wie beim Mauerfall in der Macht der Menge, die gemeinsam auch die einschüchterndsten Insignien der Repression zu überwinden wagt. Angesichts des zunehmenden Drucks der vor den Toren postierten Demonstranten sah man sich auch hier genötigt, die Türen zu öffnen und dem kollektiven Willen nach Zutritt zum gleichsam sakralen Ort nachzugeben. Je schneller die Machtzentrale des Schreckens sich dann in bloßes Mauerwerk zurückverwandelte, desto mehr wurde aus dem Ort des Herrschaftswissens ein Mausoleum, eine Grabstätte teils banaler, teils brisanter Informationen. Bis heute stehen die Stasiakten für die Wahrheit über die Verbrechen des DDR-Regimes und für die Möglichkeit der Bestrafung oder der sozialen Ächtung, wie es sich jüngst in der brandenburgischen Regierungskoalition zeigte.

Die Bilder von zerschredderten Papierbergen, die sich in den Kellern und vor den Mauern der Stasizentralen bildeten, erinnern an winterliche Schneehaufen. In dem Maß, wie sie wuchsen, zeigten sie jedoch das Verschwinden zugänglichen Beweismaterials an. Ein Akt der Verleugnung, einem berühmten Ausspruch von Friedrich Nietzsche in Szene setzend: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Die Papier-Schneeberge waren nicht nur Ausdruck einer seelischen Abwehrbewegung. Sie zeugten auch vom Schuldbewusstsein der Täter, die offenbar in Panik handelten, weil sie nun ihrerseits Bestrafung und Verfolgung befürchteten. Dabei hätten sie, wie man heute weiß, gar nicht so panisch sein müssen. Im öffentlichen wie auch politischen Bereich kamen viele der Stasi-Akteure und SED-Funktionäre davon, wie es etwa Uwe Müller und Grit Hartmann in ihrem Buch „Vorwärts und Vergessen“ darlegen.

Erich Honecker verbrachte nur 169 Tage in U-Haft, sämtliche Verfahren gegen Erich Mielke aufgrund seiner Verantwortung als Vorsitzender des Ministeriums für Staatssicherheit wurden eingestellt. 98,6 Prozent aller angestrebten Verfahren über begangenes DDR-Unrecht liefen ins Leere, die Beschuldigten kamen bis auf wenige Ausnahmefälle davon. Beratungsstellen für ihre traumatisierten Opfer müssen dagegen immer wieder um die Finanzierung ihrer Arbeit kämpfen, während die politischen Eliten der SED ihre Karrieren vielfach ungebrochen fortschreiben konnten – in den Parteien, in Wirtschaft, Kultur, Sport oder den Medien.

Die historische Bilanz der Stürmung der Stasizentrale fällt also ernüchternd aus: Eine klare Aufarbeitung des SED-Unrechts fehlt bis heute, es überwiegt der Eindruck von Hilflosigkeit und Unbeholfenheit. Auf die Frage, warum etwa die Enttarnung von IMs nicht für mehr sozialen Zündstoff sorgt, sucht man etwas ratlos nach Antworten. Sicher, die Bewältigung der Alltagsbrüche forderte große Kraftanstrengungen. Vielleicht fehlte deshalb die Energie für eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Vergangenen. Aber eine andere Erklärung erscheint überzeugender: 1989 zählte das MfS 91 000 hauptamtliche und 174 000 inoffizielle Mitarbeiter – in Bezug auf die DDR-Bevölkerung ergab das einen Schlüssel von einem Mitarbeiter pro 55 Einwohner. Zahlreiche DDR-Bürger dürften folglich Bespitzelte und Spitzel zugleich gewesen sein. Bekanntlich macht die Legierung von Opfer- und Täterrolle das Nachdenken über vergangenes Unrecht besonders schwer. Diese schmerzliche Einsicht haben die Deutschen schon bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gewonnen.

So ist wohl noch Zeit nötig, um das, was mit den Schneebergen wegschmolz und das, was vor dem Verschwinden gerettet werden konnte, in seinen eigentlichen Ausmaßen zu begreifen. Schnee von gestern vielleicht – aber Schnee, der noch lange nicht abgeräumt ist.

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