Kultur : Staub der Sterne

Ad astra: Simon Rattle und die Philharmoniker spielen Planeten-Musik

Christiane Tewinkel

Langsam wird der Erfolg, den die Berliner Philharmoniker haben, extraterrestrisch. Es gab den preisgekrönten Film „Rhythm is it!“. Es gibt laufend neue Education-Projekte. Und die Selbstvermarktung als weltoffenes Spitzenensemble ebnet den Weg in eine goldene Zukunft. Der Laden brummt also, die Zeitläufte stimmen, die Raumausdehnung auch, und nachdem nun gewissermaßen der Globus eingenommen ist, der Film über die Asien-Tournee schon in Arbeit, kann das nächste Ziel nur weit draußen liegen – im Weltall.

„Ad astra“ heißt das jüngste Projekt der Philharmoniker, „zu den Sternen“. Ein gutes, nützliches Thema, abonnement- und jugendarbeitkompatibel, musikesoterisch wie naturwissenschaftlich aufladbar. Das zugehörige „per aspera“, durchs Raue, Bittere erst hinan, hat man elegant unter den Tisch fallen lassen; die christliche oder Beethovensche Einvernahme des Motivs – dass nur ein Leidensweg wahre Erlösung bringe, allein der steinige Pfad hinauf zu den Sternen führe – hat vermutlich im Glanz des Philharmoniker-Universums keinen Platz mehr.

Ein ganzes Survivalpaket ist also geschnürt, damit nun alle gemeinsam vorwärts-aufwärts gelangen: Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“ von 1914-16 wird eskortiert von der Uraufführung von vier kurzen Auftragskompositionen, diese wiederum von einem Pressegespräch vorbereitet, in dem Sir Simon einmal mehr kalkuliert die Jugendkarte zieht. Von seiner Begeisterung für Holst erzählt er, ja, schon damals, oder von mitleiderregenden Versuchen, per Teleskop durch den luftverschmutzten Liverpoolschen Himmel ins All vorzudringen. Der australische Komponist Brett Dean spricht von „unglaublicher Einsamkeit der Kosmonauten“, der Deutsche Matthias Pintscher von seiner Entscheidung für ein abstraktes Thema – trotz der griffigen Vorgabe, Planeten beziehungsweise Asteroiden zu verkomponieren. Die Finnin Kaija Saariaho ist krankheitshalber verhindert, doch der Brite Mark-Anthony Turnage berichtet von Asteroideneinschlägen und von seinen Eltern, die der Ankunft einer neuen Welt harrten.

Am Aufführungsabend – doch selbstredend erst nach den im Foyer ausgestellten Ergebnissen des Projekts „MusicArt – Galaxy“, an der diesmal vier Schulen beteiligt waren –, gibt es also einen vollkommen neuen Ring um Holsts „Planeten“. Lauter Ungehörtes. Von allen Seiten. Sogar am Ende noch: Denn weil Holst noch nicht von Pluto wusste, schrieb der britische Komponist Colin Matthews vor einigen Jahren einen farbreichen, vielfach zersplitternden „Pluto“ für den Schluss.

Dieser Rahmen des Neuen ist zugleich das Beste an dem ganzen Sternenstaub. Denn an einem solcherart überfrachteten Abend ist das Publikum laut. Wirkt ein Werk wie die „Planeten“ unterfordernd und zugleich überausgemalt, mitunter krachig-clownesk. Obgleich „Venus“ fahl bleibt, kaum lyrisch schwelgt, der Idiomreichtum des „Jupiter“ kontrolliert in Erscheinung tritt: Eine gewisse Aufgeregtheit, ein allgegenwärtiges Vom-Hafer-gestochen-Sein will sich einfach nicht legen.

Was das vielfach aufgepolsterte Projekt aus seiner Buntverspieltheit, dem letztlich Unauratischen rettet, ist tatsächlich nur der Gang ins Neue – die trockenen, mählich sinkenden Geigersphärenklänge von Saariahos „Asteroid 4179: Toutatis“, begleitet von zarten Holzmelodien. Pintschers raschelnd beginnendes „Towards Osiris“, am Ende eine Spur zu lang. Turnages „Ceres“, mutig volltönend, mit swingendem Puls. Und schließlich „Komarov’s Fall“ von Dean, feinsinnige und fast obszön deutliche Vertonung des Weltraumsturzes Wladimir Komarows, der 1967 in seiner Sojus-Kapsel tödlich verunglückte.

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