Stefanie Reinsperger beim Theatertreffen : Schneeweißchen und das Einhorn

Sie ist frisch, jung und glaubt daran, dass Theater etwas ändern kann: Stefanie Reinsperger, die junge Schauspielerin vom Burgtheater in Wien, kann zum Gesicht des Berliner Theatertreffens werden.

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Stefanie Reinsperger mit Elisabeth Orth auf dem Arm in "die unverheiratete".
Urgewaltig: Stefanie Reinsperger mit Elisabeth Orth auf dem Arm in "die unverheiratete".Foto: Georg Soulek

Mit kosmischen Vergleichen sollte man ja wirklich sparsam umgehen. Bei Stefanie Reinsperger allerdings ist die Behauptung, sie habe an der Wiener Burg eingeschlagen wie ein Komet, völlig korrekt. Weniger urgewaltig ließe sich das gar nicht beschreiben, wie die 27-Jährige da in Wolfram Lotz’ Polit-Farce „Die lächerliche Finsternis“ im Trainingsanzug an der Rampe steht und sich im tiefsten Wienerisch als „schwarzer Neger aus Somalia“ vorstellt, der infolge leergefischter Meere „ein Diplomstudium der Piraterie“ absolviert hat und sich nun vor einem Hamburger Gericht verantworten muss.

Reinsperger treibt Lotz’ Text, der dem gemeinen Westeuropäer sein Stereotypen-Arsenal um die Ohren haut, mit ihrem Jogginghosen-Jargon wirklich derart auf die Spitze, dass die Einladung zum Berliner Theatertreffen nur folgerichtig war. Und weil sie mit ihrer zweiten Rolle an der Burg – in Ewald Palmetshofers Stück „die unverheiratete“ – gleich den nächsten Volltreffer landete, kommt das Theatertreffenpublikum jetzt doppelt in den Genuss, Stefanie Reinsperger auf der Bühne zu sehen.

Dass es für sie im Prinzip nie eine berufliche Alternative gab, glaubt man dieser Schauspielerin sofort. „Ich konnte schon als Kind nicht still auf meinem Po sitzen“, sagt Reinsperger und erzählt lachend, wie sie ihre Eltern nötigte, gemeinsam Märchen nachzuspielen – unter striktem töchterlichen Regie-Diktat. „Komm Mama, wir spielen ,Schneeweißchen und Rosenrot’, du darfst dir aussuchen, wer du sein möchtest“, pflegte sie ihre Mutter zu belagern. Und dann, nach einer kurzen Pause: „Aber ich bin Schneeweißchen.“ Reinspergers Vater hatte ein Dauerabonnement auf den „bösen Zwerg im Walde“. Als das Kind drei Jahre alt war, verteilten die Eltern das Rollenspiel nachvollziehbarerweise auf weitere Schultern und meldeten es in einer „Krabbelkindertheatergruppe“ namens „Unicorn“ an, „Einhorn“. Die Reinspergers lebten damals in London.

Stefanie Reinsperger: tiefenentspannte Unmittelbarkeit

„Das erste Wort, das ich sprechen konnte, war allerdings weder englisch noch deutsch, sondern serbokroatisch“, erinnert sich die Schauspielerin. „Krotka, Karotte“. Sie lacht. Reinspergers Eltern sind Botschaftsangestellte; sie ist als Kind viel in der Welt herumgekommen. „Kurz bevor der Bürgerkrieg ausbrach, lebten wir in Belgrad“, erzählt Reinsperger. Sie und ihre Mutter bekamen damals eines der letzten Flugzeuge nach London. „Ich war zwar noch sehr klein, kann mich aber an diese spezielle Energie meiner Mama erinnern, weil die mir so fremd war.“ Die Schauspielerin verstand damals gar nicht, warum sich ihre Eltern – ihr Vater hatte schon einige Tage früher fliegen müssen – minutenlang weinend in den Armen lagen, als sie und ihre Mutter am Londoner Flughafen ankamen.

Stücke des 52. Theatertreffen in Berlin
Szene aus "Atlas der abgelegenen Inseln".Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Karl-Bernd Karwasz / Theatertreffen
28.04.2015 11:47Atlas der abgelegenen Inselnvon Judith Schalansky Regie Thom Luz Schauspiel Hannover

Völlig problemlos scheint Stefanie Reinsperger einen hohen Reflektionsgrad mit einer komplett tiefenentspannten, bauchgesteuerten Unmittelbarkeit zu verbinden: Ein ziemlich ideales Mischungsverhältnis, das ihr Spiel wirklich außergewöhnlich macht. Reinsperger ist eine, die einen strahlend mit „Hallo, ich bin Steffi“ begrüßt, wenn sie zum Interview erscheint – und ohne Umschweife gesteht, dass es ihr wahnsinnig schwerfalle, über Rollenkonzeptionen zu reden. „Ich bin jemand, der eher über die Sinne geht“, sagt sie. „Ich klebe mir meine Textbücher voll mit Bildern“, mit atmosphärischen Assoziationen. Bei der „unverheirateten“, in der Stefanie Reinsperger eine junge Frau mit hoher One-Night-Stand-Affinität spielt, die sich mit der Nazikollaborationsvergangenheit ihrer Großmutter auseinandersetzen muss, sind das zum Beispiel Arbeiten des tschechischen Fotografen Jan Saudek: „Tolle, auch sehr brutale, traurige Bilder zu diesen Themen Verschleiß und Körperlichkeit“, erklärt Reinsperger – die außerdem für jede Rolle eine eigene Playlist hat. „Aber die ist geheim!“

Vom Düsseldorfer Schauspielhaus an die Wiener Burg

Kaum zu glauben, dass Stefanie Reinsperger abgelehnt wurde, als sie sich erstmals – an der Berliner „Ernst-Busch“- Schule – zum Schauspielstudium bewarb. Sie steckte damals noch mitten im Abi und war von der Absage derart „traumatisiert“, dass sie sich gar nicht sicher ist, ob sie selbst die Kraft gehabt hätte, es weiter zu probieren. Es war ihre Mutter, die sie an weiteren Schulen anmeldete. Am Wiener Max-Reinhardt-Seminar klappte es dann – und seither geht es steil bergauf. Direkt nach dem Studium wurde Stefanie Reinsperger ans Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, bevor letztes Jahr die Zusage fürs Wiener Burgtheater folgte – die die Schauspielerin, ihren künftigen Arbeitgeber im Rücken, spontan mit mehreren Punschen auf dem Wiener Christkindlmarkt feierte. Klar: „Wenn man in Wien aufwächst und Schauspielerin werden will, ist die Burg das Ziel!“

Trotzdem wird Stefanie Reinsperger die heiligen Hallen zum Saisonende auf eigenen Wunsch verlassen. Gut möglich, dass sie die erste Schauspielerin ist, die je vom theaterolympischen Wiener Burg- zum kleineren, bisher in dessen Schatten stehenden Volkstheater wechselte. Sie sei natürlich wahnsinnig dankbar für die Zeit an der Burg, erklärt Reinsperger. „Aber meine Sicht auf das Theater hat sich in den ersten Berufsjahren verändert.“ Mehr als um das „Wo“ gehe es ihr jetzt um das „Was“, das „Wie“ und das „Mit Wem“. Ein wichtiger künstlerischer Partner ist der Regisseur der „Lächerlichen Finsternis“, Dušan David Parízek, der regelmäßig am Volkstheater arbeiten wird.

Unter der künftigen Intendantin Anna Badora sei dort „ein sehr viel politischeres Theater“ geplant, sagt Reinsperger. „Eines, das sich wirklich im Hier und Jetzt mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt und nicht nur mit dem Abbild einer Idee, die man von ihr hat.“ Schließlich glaube sie „noch immer ganz fest daran, dass Theater etwas verändern kann.“ Und es klingt kein bisschen kitschig.

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