Kultur : Stein des Anstoßes

Peter von Becker

Warum immer nur Sisyphos? Warum dürfen wir alle, die wir Albert Camus gelesen (oder wenigstens von ihm gehört) haben, uns immer nur den mythischen Steinwälzer als glücklichen Menschen vorstellen? Warum nicht statt Sisyphos einfach mal: die Deutschen! Jene Mauerschleifer, die sich ein fast schon vergessener Berliner Bürgermeister (roter Schal, nicht rote Socke) in einer historischen Nacht vor 15 Jahren als das gar glücklichste Volk auf Erden vorgestellt hat. Längst ist es Zeit, mit dem Ende der Leidkultur mal Ernst (und Spaß) zu machen. Besonders in diesen Tagen. Trotz Jammertal Ost und Frustberg West geht es uns im Großen und Ganzen nicht schwarz, nicht rot, sondern gold. Kaum haben die Deutschen ihre konkurrenzlos langen Urlaube überstanden, bevölkern schon wieder braungebrannte Rentner und reiselustige Jugendliche trotz Versorgungslöchern und Zukunftsängsten die Bahnhöfe und Flughäfen; unsere Züge sind trotz des beliebten Ärgers über die Bahn noch immer die relativ pünklichsten und absolut komfortabelsten in Europa, und auch in Zeiten der Gesundheitsreform werden wir noch immer lieber in Deutschland krank als in irgendeinem anderen Land. Selbst mit dem Wetter würden noch fast alle mit uns tauschen, keine Hurricanes, keine Erdbeben, Giftschlangen, Tropenkrankheiten. Sogar über Hitler machen die Deutschen jetzt Filme, die keinem peinlich sind, und dass mal zehn Prozent irgendwelche rechten Deppen wählen, das gibt es überall, wo Freiheit auch das Recht auf Irrtum einschließt. So wälzen wir den Stein der Zeit: anstoßend, aufwärts.

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