Kultur : Steinige Wege zur Wahrheit

BERND ULRICH

"Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?" Mit diesen Fragen macht Johannes Paul II.zu Beginn seiner Enzyklika "Fides et Ratio" (Glaube und Vernunft) unmißverständlich klar: Es geht ihm beim 20jährigen Jubiläum seines Pontifikats um das Wesentliche.An seinem Lebensabend kehrt Johannes Paul dorthin zurück, wo er als Karol Wojtyla seine Glaubensreise begann, bei der Selbsterkenntnis, der "Werterkenntnis", um mit seinem philosophischen Lehrer Max Scheler zu sprechen.

Für den Papst sind jene Fragen nach dem Sinn des menschlichen Lebens keine, die wir uns stellen könnten - oder auch nicht.Es sind Fragen, die dem Menschen gestellt sind, ob er will oder nicht.Es gibt gleichwohl viele Möglichkeiten, wie mit den Fragen umgegangen werden kann.Und die sind - da läßt Johannes Paul II.trotz seines Bekenntnisses zum "legitimen Pluralismus" keinen Zweifel aufkommen - nicht alle gleich viel wert.

Dieses Trennen hat zunächst mit der Sonderstellung des christlichen Glaubens nichts zu tun.Die Linie, die der Papst in seiner jüngsten und - er wird daran gedacht haben - vielleicht auch letzten Enzyklika zieht, trennt nicht so sehr das Christentum vom Heidentum.Das wäre allzu konventionell gewesen.Es unterscheidet scharf und mitunter polemisch zwischen ernsten, differenzierten und intellektuell anspruchsvollen Anstrengungen auf der einen und hastig zusammengesuchten, nach Gusto verknüpften Teilreligionen auf der anderen Seite.Der Graben verläuft zwischen christlicher Theologie, Philosophie sowie den beiden östlichen Weltreligionen hüben - und der Esoterik, dem New Age und dem Nihilismus drüben.Der Papst besteht auf Integrität in Glaubensdingen, er besteht darauf, daß es auch in der Religion einen Unterschied gibt zwischen Kitsch und Kunst.

In der Öffentlichkeit wurde und wird dieses Papst-Wort darum zu allererst als Kampfansage gegen New Age verstanden.Und das ist es zu einem guten Teil, das muß es sein: Schließlich sind die religiösen Sekten und esoterischen Seminare zu einer ernsthaften, nein zu einer unernsthaften, aber wirksamen Konkurrenz der katholischen Kirche geworden.Sie nehmen sich aus christlichen, buddhistischen, hinduistischen, aber auch keltischen, germanischen und mythischen Traditionen Glaubenssegmente, Rituale und Gebete, mischen sie und bieten sie auf dem Markt der Sinne und des Sinns an.Sie offerieren unentwegt Abkürzungen, wo die Kirche, soweit sie wahrhaftig ist, nur steinige, steile Wege zur Wahrheit, zur Werterkenntnis anbieten kann.

Es paßt zu diesem Papst, zum Stil seines Pontifikats, daß er da, wo andere den Weg der Anpassung gehen und das Christentum so weich und lauwarm machen wollen wie ein Meditations-Seminar oder so archaisch-bebend wie einen Ting-Kult, daß er da besonders anspruchsvoll wird.Seine Antwort auf Esoterik und New Age, die große Hilfe im Streben nach Qualität sucht er keineswegs in der praktischen Theologie, im Psychologischen, Soziologischen oder Pädagogischen, sondern in einer Richtung, in der die Berge fast ebenso steil sind wie in der Theologie - in der Philosophie.Er nimmt hier eine alte kirchliche Tradition auf und wendet sie gegen den Kitsch.

Mit seinem sicheren Gespür für Proportionen handelt Johannes Paul II.den post-modernen Aberglauben auf wenigen Seiten ab, um Platz zu haben und zu schaffen für eine neue Annäherung zwischen Philosophie und Theologie.Verschiedene Wege führen näher an die Wahrheit heran: "Unter diesen ragt die Philosophie hervor, die unmittelbar dazu beiträgt, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen und die Antwort darauf zu entwerfen." Entwerfen, nicht geben.Das kann nur der Glaube, und auch der nur in unendlichen Annäherungen.

Natürlich meint Johannes Paul II.nicht jene Philosophien, die völligen Sinnverzicht predigen, die, weil man die Fragen nach dem Sinn nie wirklich beantworten kann, sie für falsch gestellt, genauer: für unstellbar halten.Er meint auch ausdrücklich nicht "Positivismus, Historismus, Szientismus, Pragmatismus", er meint möglicherweise eine Philosophie, die kaum noch betrieben wird.Denn wie viele moderne Denker würden unterschreiben, "daß um des Wohles und Fortschritts des Denkens willen auch die Philosophie ihre Beziehung zur Theologie zurückgewinnen soll"? Die Enzyklika ist eine klare Aufforderung an die Philosophen, sich zu erneuern - mit Blick zurück.

Der Mensch kann, das ist die feste Überzeugung Johannes Pauls, durch Nachdenken, durch seine Vernunft nah und näher an die geoffenbarte Wahrheit herankommen und Gottes Fußspuren in der Welt erkennen.Er kann dabei allerdings nie die Grenze zwischen Wissen und Glauben überspringen.Doch lehrt nicht die Geschichte der Theologie und die eines jeden Theologiestudiums, daß die Philosophie den Glauben nicht nur stützen, sondern auch stürzen kann? Es hat schon etwas Atemberaubendes, mit welcher Selbstverständlichkeit der Papst davon ausgeht, daß auch der schärfste Verstand dem Glauben nichts anhaben kann.Der Papst glaubt und dekretiert: "Die Vernunft kann das Geheimnis, das das Kreuz darstellt, nicht der Liebe entleeren; statt dessen kann das Kreuz der Vernunft die letzte Antwort geben, nach der sie sucht."

In solchen Passagen, in dieser Tonart klingt noch einmal das Rätselhafte am Pontifikat Johannes Pauls nach: Ist er von vorgestern oder von übermorgen? Soll man ihn bewundern für seinen starken Glauben oder kritisieren für seine Strenge? Wo immer etwas aufweichte, reagierte er mit Härte, wo immer sich etwas krümmte, zog er eine gerade Linie.Das haben gerade die deutschen Katholiken zuletzt in der Diskussion über den Abtreibungsparagraphen und die Schwangerenberatung schmerzlich erlebt.Und jetzt das: Die Pfarrer in den Gemeinden sehen sich mit den Billigangeboten der Seelengymnasten konfrontiert, suchen hier nach Orientierung für einen erfolgreichen Wettbewerb, fragen sich, wie sie ihren Gottesdienst attraktiver machen können.Und was antwortet ihnen der Papst: Mehr Philosophie! Mehr Vernunft!

Die Antworten des Papstes sind hier von erhabener Strenge und passen gut zu dem, was sein Mitdenker Kardinal Joseph Ratzinger immer wieder formuliert: Die Kirche muß wieder Senfkorn sein.Vielleicht ist das sogar richtig, aber es birgt offenkundig nicht nur den Keim eines erneuerten, auch philosophisch gestärkten Glaubens, es birgt auch die Gefahr, in eine fundamentalistische Logik abzugleiten, nach der wenige immer mehr glauben müssen, wenn viele immer weniger glauben.

Das Christentum hat - je tiefer man in diesen Glauben eindringt, desto mehr - stets die Tendenz, jedem, der nicht als Mönch und Theologe lebt, das Gefühl zu geben, dem eigenen Glauben nicht zu genügen.Johannes Paul II.hat dieses Gefühl in seinem Pontifikat und erneut in dieser Enzyklika verstärkt, vielleicht zu sehr.Dieser Papst bleibt mit seiner Heiligkeit und seinem Starrsinn eine Zumutung - und eine Ermutigung.

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