Sterben in der Kunst : Der Tod als Medium

Schlingensief hat es getan. Jade Goody hat es getan. Die Stolpes haben es getan. Und auch Papst Johannes Paul II. hat es getan. Vom öffentlichen Umgang mit Krankheit – eine kleine Kulturgeschichte des angekündigten Sterbens

Christina Tilmann
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Am Totenbett. Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler begleitete seine sterbende Geliebte Valentine Gode-Darel. Foto: AKG

Schlingensief hat es getan. Jade Goody hat es getan. Die Stolpes haben es getan. Und auch Papst Johannes Paul II. hat es getan. Sie alle haben ihre Krankheit öffentlich gemacht. Wenn auch mit sehr unterschiedlichen Motiven.

Publicity und Geld, darum ging es im Fall der vor einem Monat gestorbenen Jade Goody. Die 27-jährige Engländerin setzte mit ihrem Sterben fort, was in ihrem kurzen Leben angelegt war: Sie verdankt ihre Pseudo-Berühmtheit als BigBrother-Star dem Fernsehen – nun ging sie ihren Weg vor den Kameras zu Ende. Und verdiente, nebenbei, noch eine hübsche Summe, die die Zukunft ihrer Kinder sichern soll. Mag man ihr einen Vorwurf machen? Macht man ihn nicht besser denen, die diesem Spektakel zusehen?

Die Publicity in Schach halten, darum geht es wahrscheinlich Manfred Stolpe und seiner Frau, wenn sie sich freiwillig zu Sandra Maischberger begeben, um öffentlich über ihre Krankheit zu sprechen. Sie wollen die Kontrolle behalten darüber, was Boulevard-Medien mit ihrem Leben veranstalten. Wenn schon Berichterstattung, dann besser gelenkte.

Bei Papst Johannes Paul II., der im April 2005 nach schwerer Parkinson-Erkrankung unter weltweiter Anteilnahme starb, war das Motiv ein religiöses. Stellvertretendes Leiden als Nachfolger Christi, ein Opfertod, der an das notwendige Ende jedes Lebens erinnert– und an die Auferstehungsgewissheit des Christenmenschen. Mit dieser Botschaft hat der Papst der katholischen Kirche einen ungeahnten Popularitätsschub beschert.

Christoph Schlingensief schließlich ist getrieben von dem Wunsch, die Regie über das eigene Leben zu behalten. Und von dem Bewusstsein, dass in den Händen eines Künstlers auch das eigene Sterben zum Kunstwerk werden kann. Immer wieder neu hat er seine Krebserkrankung thematisiert: in dem Oratorium „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, das am 1. Mai das Berliner Theatertreffen eröffnet, in der Inszenierung der „Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper Berlin, in der Ready-Made-Oper „Mea Culpa“ am Burgtheater und nun in seinem Krankheitstagebuch. Sterben als Chance für die Kunst – wenn sonst keine Chance mehr bleibt.

Der Tod und die Kunst. Es ist eine mächtige Beziehung, von Anfang an. Seit den an die Vergänglichkeit gemahnenden Stillleben des Barock, seit den mittelalterlichen Totentänzen, von den unzähligen Kreuzigungsbildern gar nicht zu reden. Memento mori, gedenke, dass du sterblich bist, rufen diese Bilder in guter christlicher Tradition – und schwelgen oft in höchst realistischen Darstellungen. Die ausgemergelte Gestalt von Dürers Mutter kurz vor ihrem Tod, der „tote Christus“ von Hans Holbein, der Isenheimer Altar von Mathias Grünewald, sie alle bedienen – auch – ein voyeuristisches Interesse, das erst in der höheren Idee der Vorläufigkeit alles körperlichen Seins aufgehoben wird. Dieser Aspekt fehlt zum Beispiel bei dem umstrittenen Präparator Gunter von Hagens, weshalb dessen Ausstellung der „Körperwelten“ zu Recht immer wieder angegriffen wird.

Zumal in der Medienwelt übt das letzte Tabu, der Tod, offenbar einen unwiderstehlichen Reiz aus. Wenn der Künstler Gregor Schneider vorschlägt, einen Todkranken mit dessen Zustimmung im Museum öffentlich sterben zu lassen, der Tod sozusagen als Kunstaktion, ist das, im Rahmen der Diskussion über öffentliche Sterbebegleitung, eine unerträgliche Provokation. Wenn Christoph Schlingensief eine baumgroße Lunge auf einer Opernbühne ausstellt – ist das Kunst?

Doch ist der Versuch, dem Tod mit künstlerischen Mitteln beizukommen, nicht von jeher ein Wesensmerkmal von Kunst gewesen? Denn ihr größtes Versprechen lautet, ähnlich wie das der Religion, dass da etwas ist, das größer ist, das länger hält als das Leben. Marcel Proust hat der lebenslangen Krankheit sein Roman-Meisterwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ abgetrotzt.

Sterben und Schaffen. Die Beispiele aus der Kunst sind Legion. Maler wie Edvard Munch, Egon Schiele, Ferdinand Hodler oder Dante Gabriel Rossetti, die ihre Frauen, Geliebten oder Familienangehörigen auf dem Sterbebett malten, haben sie damit unsterblich gemacht und der eigenen Trauer ein Ventil gegeben. Friedrich Rückert hat seinen innerhalb weniger Wochen an Scharlach gestorbenen Kindern Ernst und Luise mit seinen „Kindertotenliedern" eine ergreifende Totenklage hinterhergeschickt. Brigitte Maria Meyer widmete Heiner Müller posthum ein wunderbares Fotobuch; der große Dramatiker, schmal und blass, mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. Und auch die Bilder, die die Fotografin Annie Leibovitz von ihrer Freundin Susan Sontag gemacht hat, nach deren Krebsoperation im Krankenhaus und zuletzt auf dem Totenbett, sind der intime Höhepunkt der Retrospektive, die derzeit bei c/o Berlin zu sehen ist.

Das künstlerische Begleiten des Sterbens eines geliebten Menschen ist Trauerarbeit, aus der großartige Kunst entstehen kann. Wer mit dem eigenen Sterben an die Öffentlichkeit geht, verfolgt oft andere Motive. Auch wenn es Künstler sind, die diesen Weg wählen. Jörg Immendorff, der an der tödlichen Nervenkrankheit ALS litt, nutzte jede Gelegenheit, in Interviews über diese Krankheit zu sprechen – um eine bessere medizinische Erforschung der noch relativ unbekannten Krankheit zu erreichen. Auch Christoph Schlingensief hat mit „Kunst + Gemüse. A. Hipler“ einen Abend zum Thema ALS gestaltet und die ALS-Patientin Angela J. im Bett auf die Bühne gebracht – mit ihrer Zustimmung. Der Schweizer Lehrer Fritz Angst, der 1979 im Alter von 32 Jahren an Krebs starb, schrieb unter dem Pseudonym Fritz Zorn sein Buch „Mars“, das zum Kultbuch wurde: eine wütende Abrechnung, nicht nur mit der eigenen Krebserkrankung, sondern mit der saturierten Zürcher Gesellschaft, die er für seine Erkrankung mitverantwortlich macht. Gibt nicht auch Schlingensief den traumatischen Bayreuther Erfahrungen eine Mitschuld an seiner Krankheit – und setzt gleichzeitig künstlerisch den Weg fort, der mit Wagner und Bayreuth begann?

Doch so ehrbar das Motiv auch sei, die medialen Begleiterscheinungen und Mechanismen sind die immer gleichen. Es ist ein Eindringen in einen Bereich, der Schutz und Intimität verdient. Will ich, als Fernsehzuschauer, wirklich wissen, dass Schlingensief unter dem Eindruck seiner Erkrankung seiner Freundin versprochen hat, sie zu heiraten? Oder gar dabei sein, wenn Jane Goody ihren letzten Atemzug tut?

Das öffentliche Interesse verdankt sich allein ihrer Prominenz. Was nichts daran ändert, dass der Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, dass Sterbende und Angehörige oft schmerzhaft erfahren, wie allein gelassen sie mit der fundamentalen Erfahrung sind, auf die niemand sie vorbereitet hat und von der niemand wirklich hören will. In der Erfahrung solcher Einsamkeit hilft dann die Kunst. Manchmal.

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