• Steven Spielbergs Videos von Überlebenden sollen die Deutschen von Schuldgefühlen befreien (Analyse)

Kultur : Steven Spielbergs Videos von Überlebenden sollen die Deutschen von Schuldgefühlen befreien (Analyse)

Henryk M. Broder

Es war Michael Naumann, Staatsminister für Kultur, der am 17. Februar 1999 in einem aktuellen Beitrag des Nachrichtensenders n-tv erklärte, was den Filmproduzenten Steven Spielberg umtreibt. "Eine seiner Aufgaben sieht er darin, das ungerechtfertigte Gefühl der Schuld von den Schultern der heute 14-, 15-, 16-jährigen zu nehmen und zu ersetzen durch Kenntnisse und Verantwortung und Erziehung zur Toleranz." Naumann ist viel zu intelligent, um nicht zu wissen, was er sagt. Doch die Mutation vom kritischen Geist zum Politiker verlangt Zugeständnisse an modische Trends. Zwei davon heißen: "Weg mit den Schuldgefühlen!" und "Erziehung zur Toleranz".

Dabei wird man ebenso lange wie vergeblich nach 14-, 15-, 16jährigen suchen, die Schuldgefühle mit sich schleppen, weil deren Großväter oder Urgroßväter im Dritten Reich "Sieg Heil!" gebrüllt haben. Und was eine "Erziehung zur Toleranz" taugt, die als Programm verordnet wird, kann man gleich jenseits der Berliner Stadtgrenzen studieren, wo die Kampagne "Tolerantes Brandenburg" von einem Anstieg der rechtsextremen und fremdenfeindlichen Taten begleitet wird.

Der Vorschlag, nicht vorhandene Schuldgefühle durch eine Erziehung zur Toleranz, die offenbar bis jetzt von den Schulen nicht geleistet wurde, zu ersetzen, zeugt nicht von Naivität, sondern verrät ein Konzept: Wenn man eine neue Medizin auf den Markt bringen will, muss man notfalls die dazugehörige Krankheit erfinden. Also will man den 14-, 15-, 16-jährigen Schuldgefühle einreden, um sie anschließend behandeln zu können.

Sobald die Mahnmal-Debatte, die derzeit ruht, weil die Feuilletons mit Sloterdijk und dem Mengele-Film beschäftigt sind, wieder in Gang kommt, wird auch die Naumann-Spielberg-Option reaktiviert werden, über die hinter den Kulissen bereits diskret verhandelt wurde. Zum einen muss das "Haus der Erinnerung", das Naumann neben das Mahnmal bauen möchte, mit Inhalt gefüllt werden. Zum anderen wäre Spielberg, wie er schon letztes Jahr gestand, "sehr glücklich, wenn die Berliner Gedenkstätte zur sechsten Dokumentationsstätte der Shoah-Foundation erklärt" würde. Spielbergs Berliner Repräsentantin, die Geschäftsführerin der Shoah GmbH, Ahavia Scheindlin, macht kein Geheimnis daraus, dass sie mit Politikern aller Fraktionen Gespräche darüber führt, unter welchen Konditionen ein Teil der 50 000 Interviews, die von der Foundation mit Shoah-Überlebenden aufgenommen wurden, in Berlin deponiert werden könnte. "Alle zeigen großes Interesse an dem Material."

Allerdings: Wenn die Politiker an dem "Material" wirklich interessiert wären, dann würden sie es nicht aus Hollywood importieren, sondern beim Moses-Mendelssohn-Zentrum der Uni Potsdam nachfragen, wo ebenfalls Interviews mit Überlebenden der Shoah aufgenommen werden. Dass sie lieber mit Spielberg verhandeln, hat zwei handfeste Gründe, die wiederum mit der allgemeinen deutschen Befindlichkeit zu tun haben.

Spielberg erklärtes Ziel ist es, nicht nur die 14-, 15- und 16-jährigen, sondern alle Deutschen von ihren Schuldgefühlen - vorhandenen und nicht vorhandenen - zu befreien. Dafür wurde er von der "Welt" zum "Botschafter jüdischen Geistes" ernannt und von Bundespräsident Herzog mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet: der einzige amerikanische Filmregisseur, "dem eine solche Ehre" zuteil wurde.

Das deutsche Verlangen nach Autorität und Erlösung sucht sich immer neue Vormünder. Mal will es hören, dass auch andere Völker schreckliche Verbrechen begangen haben, mal gibt es sich mit der Bestätigung zufrieden, dass kein anderes Volk sich so gründlich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt und so viel Wiedergutmachung bezahlt hat. Und immer muss das tröstliche Diktum "von außen" kommen, von einem, der auf Grund seiner Vita als Ablassgeber taugt, Alfred Grosser zum Beispiel oder Andrzej Szczypiorski. Spielberg ist für diese Aufgabe besonders geeignet. Als Jude gehört er einer Opfernation, als Amerikaner einer Siegermacht an. Und wenn ein amerikanischer Jude, bzw. jüdischer Amerikaner den Deutschen einen Weg aus dem Bewusstsein von Schuld und Scham weisen, sie heilen möchte, dann bekommt er nicht nur das Bundesverdienstkreuz umgehängt, sondern kann auch damit rechnen, als moralische Instanz anerkannt zu werden.

Hinzu kommt ein zweites Bedürfnis, das in die Kategorie "wishful thinking" gehört. Mit den rund 50 000 Interviews hat Spielberg rund 50 000 Fortsetzungen zu "Schindlers Liste" gedreht: Holocaust mit Happy-end, wie es sich für eine Hollywood-Produktion gehört. Aber der Holocaust hatte kein Happy-end, auch wenn einige der Überlebenden am Ende der Interviews ihre Kinder und Enkelkinder um sich versammeln und sich zu Siegern über Hitler erklären, weil er tot ist und sie noch leben. Am Ende steht nicht der Schrecken, sondern der Trost: Wenn so viele überlebt haben, kann es so schlimm nicht gewesen sein. Das ist es, was "das Material" so interessant macht - als Bestandteil eines Mahnmals, "wo man gerne hingeht".

Um die deutsche Begeisterung für Spielberg als Ablass-Geber und Holocaust-Verwalter zu erklären, muss man aber noch einen Schritt weiter gehen. Zwar spielen Holocaust-Leugner in der öffentlichen Diskussion keine Rolle, doch die Idee, der Holocaust möge sich als eine Art Horror-Movie erweisen, ist nicht nur für "Revisionisten" eine verlockende Vorstellung. Jeder anständige Mensch sagt sich: "Das ist so grauenhaft, das kann es nicht gegeben haben", wissend, dass die Tatsachen vom Gegenteil zeugen.

Wenn sich nun ein Hollywood-Produzent des Themas annimmt, dann kommt er dem Bedürfnis nach Fiktionalisierung der Fakten entgegen. Hollywood ist eine Fabrik, in der Fabeln am Fließband produziert werden. Und wenn ein und derselbe Produzent für den "Weißen Hai" und für den "Holocaust" verantwortlich zeichnet, dann verwischen sich die Grenzen zwischen Geschichte und Geschichten, vor allem wenn der Dokumentarist Spielberg dieselben Effekte einsetzt wie der Dramatiker Spielberg.

"Dank Spielberg", hat die New Yorker Wochenzeitung "Village Voice" schon vor drei Jahren geschrieben, "wird die Welt nicht vergessen, was passiert ist. Nur: Woran genau wird sie sich erinnern?"

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