Kultur : Stille Tage in Stegelitz

Chirurgischer Blick: Der Berliner Fotograf Roger Melis hat Brandenburgs Landleben porträtiert, wie es heute nicht mehr existiert

Kerstin Decker

Aber er ist doch eher ein Stadtfotograf. Ein Fußgänger. Roger Melis hat mal „Paris zu Fuß" fotografiert, das war noch tief in der DDR, und das Buch wurde ein Bestseller. Unser ganzes Fernweh hat er gleich mitfotografiert. Andererseits ist Melis, viel mehr noch als Städte-Fotograf, ein Zimmer-Fotograf. Niemand hat diese hochwichtige Spezialrichtung der Fotografenkunst bisher bemerkt, die Forscher forschen noch nicht über die Zimmerfotografie – dabei ist Melis ihr wichtigster Vertreter.

Wir wüssten heute gar nicht, wie es früher bei Biermann zu Hause aussah, gäbe es nicht den Zimmer-Fotografen Melis. Das Chausseestraßen-Platten-Cover ist von ihm. Natürlich, da sind immer auch Menschen drauf, Biermann zum Beispiel, aber im Vergleich zu seiner Wohnung ist er doch ein Nebendarsteller. Ja, ohne Melis würden wir gar nicht wissen, wie es früher bei uns zu Hause aussah. Biermann – war das nicht eine Art gehobene Studentenwohnung?

Bestimmt würde er jetzt widersprechen: Er sei weder Städte- noch Zimmer-Fotograf, sondern eigentlich ein Menschenfotograf. Klar, stimmt auch. Stimmt unbedingt. Mensch. Zimmer. Stadt. Wer kann das trennen? Ein urbaner Typus eben. Aber jetzt gibt es noch einen vierten Melis. Den Dorf-Fotografen. Soviel Himmel auf einem Bild von ihm. Soviel Dorfteich.

Wer dieser Tage aus Berlin hinausfährt, mitten in den Herbst hinein, und immer weiter, bis er an den Rand der Schorfheide kommt, wo er plötzlich Ortseingangsschildern begegnet, auf denen steht „Afrika“, der könnte gleich noch ein wenig weiter geradeaus fahren bis zur Alten Schule in Stegelitz. Afrika ist ein Ortsteil von Stegelitz und die Alte Schule ist eine Art neues gehobenes Kulturzentrum auf dem Lande, mit angeschlossenem Hotel und Kaminzimmer und Bibliothek und Tagungsraum. In den früheren Schulräumen befindet sich das Ereignis: Melis, der Dorf-Fotograf.

Von Anfang der Siebziger bis Ende der Achtziger hat er immer wieder dasselbe Uckermark-Dorf fotografiert. Vor allem, weil er dort selber wohnte. Und weil ein Fotograf nicht einfach aufhören kann zu fotografieren, nur weil gerade Wochenende ist. Dass der Berliner, um Berlin auszuhalten, nach Möglichkeit einen Zweitwohnsitz in der Uckermark braucht, ist keine ganz neue Idee. Melis wusste schon Anfang der Siebziger, dass der Berliner in der Uckermark, möglichst wenig Berliner sein sollte, vielmehr bildungswilliger Uckermärker. Das ist der Leitfaden für erfolgreiche Intergration auf dem Lande. Melis lernte vom Maurer des Ortes, wie man ein Haus baut; er und seine Frau kauften von den Bauern alte Möbel. Irgendwann merkten sie gar nicht mehr, wenn er dabei war. Und dass er seinen Fotoapparat mitbrachte, sahen sie ihm nach. Irgendeine Macke haben diese Städter alle. Er, der sonst die Modells der DDR fotografierte – alle bekannten Ex-DDR-Fotografen kommen aus der Modefotografie –, konnte nicht wegschauen, wenn in Stegelitz ein Schwein geschlachtet wurde. Er zwang sich hinzusehen. Vorbereitet war er. Am Anfang war er Krankenhaus-Fotograf der Charité. In dem Augenblick, wenn das Messer in die Haut ritzt, hatte er immer die Wahl: entweder weggucken oder ein gutes Foto machen. Ein gutes Foto dokumentiert ja auch nur den Augenblick, wenn das Messer die Haut ritzt. Der chirurgische Blick des Fotografen. Er ist ihm geblieben, aber es gibt eine Höflichkeit der Chirurgen. Anders als in der Medizinfotografie hat Melis nicht nur die schlimme Stelle vor Augen, sondern alles drum herum. Die ganze Versuchsanordnung des menschlichen Lebens, auch des Stegelitzer Lebens.

Nicht nur das Stegelitzer 70er-Jahre-Schwein in den letzten Augenblicken seines Aufenthalts auf Erden – und die Augenblicke danach, sondern auch die lachenden Bauern beim Schlachten. Melis dokumentiert die dramatische Rettungsaktion einer Kuh, die in ein tiefes Loch gefallen ist und wenn die freiwillige Feuerwehr mitten in der Nacht zum Einsatz gerufen wird, stand er mit auf. Eines Tages rief die Chefin der Stegelitzer Waldarbeiterinnen-Brigade an. Ob er nicht mal den Subbotnik ihrer Waldarbeiterinnen fotografieren könne? Die Waldarbeiterinnen-Porträts gehören zu den schönsten der Ausstellung. Es ist dasselbe wie bei den großen Dichtern, dem großen Biermann oder dem großen Paris. Egal ob berühmte Städte oder berühmte Menschen – Melis fand sie immer in allerprivatesten, beinahe verletzlichen Situationen. Damit ist er bekannt geworden. Vor allem mit den Dichtern. Wenn wir an Heiner Müller, Stefan Heym oder Anna Seghers denken, haben wir meist ein Melis-Bild vor Augen. Mit den Dichterbildern hat er in den frühen Sechzigern angefangen, da war er noch an der Charité. Wochentags porträtierte er das Universum medizinisch relevanter leiblicher Kalamitäten, am Wochenende fotografierte er die relevanten Dichter. So nah, wie Bilder Menschen nur selten kommen. Nie wurde es voyeuristisch. Auch nicht bei den dreißig nicht ganz so berühmten Stegelitzer Waldarbeiterinnen.

Erst in der Dämmerung, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist, beginnt die Eule der Minerva ihren Flug, hat ein großer Philosoph über den Zeitpunkt der wahren Erkenntnis gesagt. Für Fotografen, dachte man immer, ist das nichts. Die sehen im Zwielicht nicht so gut. Aber vielleicht kommt auch ihre wahre Stunde erst, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist. Es gibt keine Stegelitzer Waldarbeiterinnen mehr und nicht die Stegelitzer Holzfäller. Keiner hat noch Schweine. Dorfhochzeiten sehen ganz anders aus und der Küster der Kirche wird auch nicht mehr seine eigenen Wohnzimmerkissen holen – für das Brautpaar zum Hinknien. Melis und seine Frau wohnen immer noch in Stegelitz, am Wochenende, aber seine Fotografien sind Dokumente einer untergegangenen Kultur.

Stegelitz, Alte Schule, Dorfstr. 37, bis 20.12., nach Absprache Tel. 039887/61173

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