Kultur : Stiller Brüter

Marius von Mayenburgs „Augenlicht“ mit Sepp Bierbichler in der Schaubühne uraufgeführt

Sandra Luzina

„Wir könnten ja mal wieder Nudeln essen gehen.“ So wie Sepp Bierbichler als Herr Walter das sagt, ist es ein unmoralisches Angebot. Bierbichler baut sich in seiner massigen Männlichkeit vor der Frau auf, fixiert sie, schiebt die Hüfte vor. Die bullige Verführungskunst des Schauspielers scheint in diesem Moment auf. So unausstehlich dieser kauzige Herr Walter auch sein mag – hier ist Sepp Bierbichler, der Unwiderstehliche. Jule Böwe erliegt zwar dieser Attacke, doch sie hat längst Lunte gerochen.

Mit der Uraufführung von Marius von Mayenburgs neuem Stück „Augenlicht“ wird das 6. Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. an der Schaubühne eröffnet: Es zeigt Stücke aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei. Türkische Stricher, rumänische Porno-Amateure, die üblichen Verstörten rücken ein grenzenloses Elend in den Blick. Verglichen damit wählt Marius von Mayenburg eine biedere Konstellation: der schrullige Witwer und seine Haushälterin. Auch Ingo Berks Inszenierung fällt durch Biedersinn auf.

Jule Böwe sorgt dafür, dass der erotische Reiz dieser Zweckverbindung zutage tritt. In ihrem weißen Kleid nimmt sie sich aus wie eine Lichtgestalt in der Welt des Herrn Walter. Die gleicht einer Männergruft: Walter hat sich mit seinen Erinnerungen lebendig begraben. Die Vorhänge bleiben zugezogen. Kein Wunder, dass Julia lüften will. Am Ende wird sie das Geheimnis des sonderbaren Hausherrn gelüftet haben. Julia und die Schreckenskammer könnte man das Stück auch nennen. Alle Bewegung endet vor einer dunkel gebeizten Schrankwand des Grauens. Eine Glastür führt in ein Zimmer, das nicht betreten werden darf. Das Blaubart-Motiv blitzt auf, mindestens eine Frauenleiche vermutet man in der verbotenen Kammer.

Ein spitzes Dreieck aus gruseligem Teppichflor dient als Spielfläche – später erweitert sich das Herr-und-Magd-Verhältnis zum Dreier. So eingeschränkt ist der Aktionsradius, dass jede Lebensregung störend wirkt. Jule Böwe versucht sich fraulich klein zu machen, Bierbichler hockt als stiller Brüter im Sessel, Ursprung einer latenten Aggressivität.

„Ich bringe Sie wieder in Ordnung“, hatte die Reinigungskraft Herrn Walter versprochen. „Sie sehen aus wie ein Opfer“, erwidert der die Drohung. Beide sind auf der Hut. Der Jäger wird zum Gejagten, die Magd entpuppt sich als Schnüfflerin. Von Mayenburg legt falsche Fährten, greift in die Mystery-Kiste, verläuft sich fast ins Transendrama. Zum Vorschein kommt eine blinde Tochter, Bierbichler ist Papa und Mama zugleich und schaut in seiner Kittelschürze aus wie eine verzweifelte Hausfrau. Julia ist die Rolle der bösen Krankenschwester zugedacht. Als sie geht, hat sie einen familiären Verblendungszusammenhang aufgedeckt.

„Augenlicht“ bietet funkelnden Sprachwitz. Doch der Autor hat zu viel hineingeheimnist in sein Stück, das Kammerspiel endet im Psychokitsch. Dennoch ist es reizvoll, sich von Sepp Bierbichler hinters Licht führen zu lassen.

Studio der Schaubühne. Wieder am 18., 19., 22. März, 20 Uhr

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