Kultur : Stillstand im Lichtgewitter

KATJA REISSNER

Eine Ausstellung mit Videos von Ange Leccia in der Galerie Anselm DreherVON KATJA REISSNERDie wohl spektakulärste Arbeit des 1952 geborenen französischen Konzeptualisten Ange Leccia war 1987 auf der documenta 8 zu sehen.Ein metallic-blauer Mercedes 300 CE, also eine Luxuskarosse, rotierte langsam auf einem Podest wie in einem Autosalon.Das löste Diskussionen aus und wurde als Provokation empfunden, denn es war nicht nur die Transformation eines Konsumgegenstandes.Vielmehr wurde die ganze Atmosphäre übertragen, in der solch eine exklusive Ware präsentiert wird.Ob das nun ein gesellschaftskritischer Akt oder ein Displacement von dem Betriebssystem Konsumwelt in das Betriebssystem Kunst war: Wer will das entscheiden? Das Objekt selbst erschien jedenfalls kühl und makellos, ein Symbol der Vollkommenheit.Leccia verwandte mehrfach Autos, Motorräder, auch Flugzeuge, wobei er die Objekte, anders als bei dem um sich selbst kreisenden Mercedes, paarweise vis à vis plazierte.Schon damals, in den 80er Jahren, spielte die Inszenierung von Licht in seiner Arbeit eine Rolle.Er schuf Situationen, die so etwas wie ein Patt im Spiel herstellten: eine Art Stillstand im Lichtgewitter, eine völlige Gleichgültigkeit geschichtlichen Verläufen gegenüber - und so vielleicht ein Äquivalent zur postmodernen These vom Ende der großen Erzählungen, wie sie Lyotard propagiert hat.In den 90ern wandte sich Leccia von der massiven Formpräsenz seiner Objekte immer mehr ab und dem gegensätzlichen Pol immaterieller Erscheinungen zu.Verstärkt zeigte er Video-Arbeiten, in denen Licht und Farbe die Zeit rhythmisieren.In der Galerie Dreher sind in traditionell puristischer Weise drei Video-Arbeiten zu sehen, die graduell miteinander zusammenhängen.Auch hier geht es um das Thema der abwesenden Erzählungen, und auch hier kann man sich fragen, ob latent eine gesellschaftskritische Aussage gemacht wird.Diesmal sind es nicht makellose Vehikel, sondern makellose Gesichter.Der erste Schirm zeigt abwechselnd zwei Sequenzen: einen Schwarz-Weiß-Schwenk über eine von amerikanischen Atombomben zerstörte Stadt, Hiroshima oder Nagasaki.Da der Ausschnitt dem im japanischen Fernsehen entnommen wurde, kann man nur durch die Namen der Städte, die der Kommentator nennt, auf den Zusammenhang schließen - es könnte jeder beliebige kriegszerstörte Ort sein.Er wird beiläufig und anynom gezeigt im Wechsel mit einem jungen japanischen Star der Gegenwart, der sich der Öffentlichkeit präsentiert und dabei dem Blitzgewitter der Fotografen ausgesetzt ist.Dies wiederum kann man nur dem unruhigen Aufscheinen und Verlöschen des vollkommen schönen Antlitzes entnehmen, da die Fotografen nicht in Erscheinung treten.Die Korrespondenz zum auslöschenden Licht der Bombe, das nur die Schatten der Menschen auf den Mauern zurückließ, stellt Leccia nur indirekt und zeichenhaft her.Der Name und die Übertragung auf ein Gesicht müssen genügen, um auf das zu verweisen, was nicht gezeigt werden kann.Der These vom Ende der großen Erzählungen ging Hiroshima voraus, wo Menschen, die ehemaligen Akteure und Übermittler der Erzählungen, sich in zeichenhafte Spuren und Schemen auflösten.Der ersten Montage von Abbildungen der Realität ist auf dem nächsten Schirm die Aufnahme einer jungen Frau entgegengesetzt, deren Gesicht ebenfalls aufscheint, um sofort weggeblendet zu werden, in diesem Fall aber lichttechnisch und farbig manipuliert.Die auf das Motiv projizierten Farben scheinen verschiedene Stimmungen zu vermitteln.Auch der dritte Schirm zeigt ein junges, weibliches, ebenmäßiges Gesicht, zu einer graphischen Ikone stilisiert, doch hier ist die Rhythmik und Bewegung bestimmt von dem Disco-Weichspüler-Song "Love me".Von dem latenten, unverbindlichen historischen Verweis auf die Katastrophe über das merkwürdig melancholisch-verblichene Gesicht, das entfernt an die Polizeifotos der Baader-Meinhof-Gruppe in den 70er Jahren erinnert, bis zum androgynen Gesicht der 90er Jahre, das nur noch dem ewig gleichen und immer jungen Event huldigt, entsteht ein sehr spröder, aber formal anmutiger Surf durch verschiedene Zeitschleifen, die doch nur wieder zum Ausgangspunkt zurückführen.Hier ist man weit entfernt von den farbig blühenden Wohlfühl-Höhlen einer Pippilotti Rist, die momentan im Hamburger Bahnhof zu sehen sind.Bei Dreher muß man sich mit karger französischer Eleganz und Zeichenhaftigkeit begnügen. Galerie Anselm Dreher, Pfalzburger Straße 80, bis 6.Juni; Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben