Kultur : Sting: Mackie im Mondlicht

Jost Kaiser

Gerade als es am schönsten ist, der im Tetrapak mitgebrachte Rotwein seine volle Wirkung entfaltet, der wildfremde Nachbar einem Wunderkerzen schenkt und die blinkenden, roten, an Haarreifen befestigten batteriebetriebenen Kugeln, die sich die Leute bei solchen Gelegenheiten auf den Kopf setzen, in der Dämmerung zu leuchten beginnen, gerade da wird der Laden dicht gemacht. Es ist erst kurz nach 22 Uhr. Eben hatte man sich noch gewundert ... Meine Damen und Herren, Robin Gibb von den "Bee Gees" wurde heute von Xavier Naidoo am Schlagzeug, Wyclef Jean von den Fugees als Background-Sänger und von einem der Beastie Boys an den Keyboards begleitet. Aber nein, Robin Gibb ist in Wahrheit der frappierend ähnlich alternde Sting, Xavier Naidoo in Wahrheit der großartige Schlagzeuger Manu Katché, die genannten anderen Herren Stings neue Band und gerade hat der Popsänger "Fragile" als letztes Stück und akustisch so glockenklar aus den Lautsprechern in die Halbschüssel der Waldbühne entlassen, dass man alle Vorbehalte gegen Open-Air-Konzerte sofort fallen lässt. Sting-Konzerte sind ja längst aus der Sphäre des Rockspektakels entschwunden und zu Mittelschichtsereignissen geworden, bei denen auf gewisse Eleganz, auf "Niveau" nicht verzichtet wird. Popkultur á la Sting ist die Hochkultur der neuen Mitte.

Die Damen, Mitte dreißig zumeist, ziehen sich strassbesetze Tops an, legen schüchtern ihre Angestellten-Tätowierungen auf dem Schulterblatt frei und zeigen Bauchnabelringe. Die Herren erscheinen im Sakko. Sting ist "anspruchsvolle" Popmusik, ein Genre von dem man in seinen Anfangstagen eher angenommen hatte, dass es sich der unbedingten Anspruchslosigkeit verschrieben hätte.

Als Solokünstler hat Sting der Popmusik unaufhörlich Kulturgüter zugeführt, die der Halbbildungsbürger als Alternative zum "Kommerz" begrüßt. Und deshalb singt Sting Brecht / Weills "Mackie Messer" auf Deutsch, macht danach bei "Moon Over Bourbon Street" Louis Armstrong und dem New Orleans Jazz Avancen, lässt das Publikum mittels vertracktem 5/4-Takt ins Leere klatschen und scheut sich nicht, Stücke, die noch als Reggae begannen, im Bossa-Nova-Rhythmus enden zu lassen. Sting kann alles. Und macht alles. Da halten die Leute dann begeistert ihre Handys in die Luft, damit Oma Hilde mithören kann. Die findet Sting garantiert auch ganz toll. Es ist diese Demonstration der Virtuosität, die 5-minütigen Klaviersoli, die einen an Sting nerven. Aber sie überraschen einen auch angesichts der umfassenden Ironie, die der Popmusik einen fröhlichen Diletantismus bescherte.

Trotzdem muss auch Sting der Gegenwart seine Remineszenz erweisen. Und so beginnt die siebenköpfige Band scheppernd mit einem verschleppten Reggae. Sting zitiert das große Ding der Neunziger, den sogenannten "Trip-Hop". Danach kommt ein schwarzer Mann mit komischem Hütchen auf die Bühne, fuchtelt wild mit den Armen und rappt los - auf französisch. Warum auch nicht? Selbst Modern Talking haben einen Rapper. Dennoch vergeht einem das Gemaule. Und zwar nicht nur, weil man bei "Roxanne" wieder genauso ergriffen erstarrt wie 1985, als der einstige Police-Sänger seine Liebeserklärung an die Hure bei "Live Aid" ganz in weiß gewandet vor einer Milliarde TV-Zuschauern in die Welt krächzte. Weil einem wieder bewusst wird, was für schöne, simple, eingängige Popsongs "Every Little Thing She Does Is Magig" oder "Mad About You" sind.

Bei "Fields of Joy" verteilte einer Wunderkerzen. Da habe ich mich noch über die Kirchentagsatmosphäre geärgert. Dann, beim letzten Stück "Fragile", will ich selbst eine haben und freue mich mit. Doch als Sting den traurigen Song mit einem letzten Ton abschließen will, entgleitet er ihm - man hört ein Knacken. Ein schönes, ein menschliches Versagen.

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