Kultur : Stirb und werde

Salzburgs Kunstszene hat ein Museum der Moderne – und die Festspiele entdecken Tschechow

Peter von Becker

Da kämpft ein junger Dichter für die neue Dramatik, die ihm zwar nur sehr unfasslich als Großes, Ganzes, Anderes durchs Hirn wölkt, aber den aktuellen Kulturbetrieb hat er schon klar durchschaut. Anton Tschechows Kostja, aus der „Möwe“ von 1896, kommt uns heute so daher: Immer dieses verlogene Etabliertentheater, suchen sie eine moderne Frau, dann wird’s die achtzigtausendste „Nora“. „Und wenn mal wieder irgendwo Krieg ist, dann spielen sie zum dreihunderttausendsten Mal ,Nathan der Weise’!“

Im Salzburger Landestheater, wo „Die Möwe“ in einer von Falk Richter inszenierten Koproduktion mit der Berliner Schaubühne und dem Züricher Theater soeben das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnet hat, hört man das Lachen aller Peymann-Ostermeier-Kenner gleich mit. Auch wenn’s im Original nicht ganz so heutig klingt, passt es sinngemäß allemal. Eher verblüfft uns jetzt, dass noch kein Stück des seit 100 Jahren unsterblichen Tschechow in der 85-jährigen Geschichte des Salzburger (Reinhardt’schen/Hofmannsthalischen) „Großen Welttheaters“ gespielt wurde – ausgenommen das Remake von Peter Steins Berliner „Kirschgarten“ vor zehn Jahren.

Dabei passt gerade „Die Möwe“ nach Salzburg wie ein Kuss des Schicksals. Alles soll neu werden, fordert der Dichter, und am Ende triumphiert doch die alte Kunst, ein wenig müde, aber unerschöpflich. Und plötzlich steht der junge Dichter selbst schon ganz altbacken da und erschießt sich. Dieser Tod muss auch ein Hiesiger sein, in der Stadt Mozarts und der Kugel.

Das Wort „modern“ braucht man nur einmal auf der ersten Silbe betonen – dann hat man das Drama nicht nur des Salzburger Zeitgeists. In diesem Jahr allerdings scheint die Festspielmetropole, wo das Stirb und Werde, das Moderne und das Modernde sich schon immer innig verherzt und verharzt haben, einer besonders symbolkräftigen Dramaturgie zu folgen. Hier die „Möwe“ als keckes Fanal und in Ermangelung eines wirklich neuen Zeitstücks – wir kommen noch drauf zurück. Dort – vom Landestheater ein Sprung über die Salzach ins Große Festspielhaus, in die Felsenreitschule – zur Eröffnung des Opernprogramms Purcells und Drydens barockes Kriegszaubermärchen „King Arthur“. Jürgen Flimms Regie hat es in ein Salzburger Zwischenreich versetzt: zu Cembaloklängen viel Raimundsches Feenspiel, dagegen zu Pauken und Trompeten das Arsenal ironisch luftiger Videoprojektionen, langweil und kurzum ein postmodernes Gesamtkunsthandwerk (Tagesspiegel vom 26. Juli).

Zeitgleich mit dem seit 1920 auf dem barocken Domplatz sterbenden und immer wiederauferstehenden „Jedermann“ und nur eine Stunde vorm „King Arthur“ mussten sich die Salzburger Sinne indes zu einer weiteren Premiere heben. Es geht auf den Mönchsberg, der die Altstadt mit seiner Felswand steil überragt. 70 Meter über dem Festspielhaus und ein wenig noch über einem bei Selbstmördern (allen heutigen kunst- und liebesunglücklichen Kostjas) beliebten Aussichtspunkt thront nunmehr ein weißer Kubus.

Es ist das neu erbaute Museum der Moderne, um das in Salzburg ein jahrelanger Kulturkampf tobte. Erst wollte Österreichs Stararchitekt Hans Hollein in den Mönchsberg einen riesigen Trichter als Museumshöhle sprengen, doch war der Aufwand unbezahlbar. Dann setzten sich in einem Wettbewerb die jungen Münchner Architekten Friedrich-Hoff-Zwick als Newcomer durch – und ihr erster Museumsbau ist ein großer Wurf geworden.

Wer den vierstöckigen DreitausendQuadratmeterwürfel im Untergeschoss betritt, glaubt sich für einen Moment in einem Kunstbunker aus gescheurtem Beton gefangen. Aber kaum begibt man sich aus dem noch ungestalteten Foyer ins zentrale Treppenhaus, beginnt der von wenigen, aber ingeniös gesetzten Sicht- und Lichtachsen durchzogene Bau immer schwereloser zu werden. Es ist ein puristisch kühnes Gebilde, das die darin ausgestellte Kunst zur Geltung kommen lässt und die eigene Raffinesse – bis hin zum unsichtbaren, exzeptionell wirkungsvollen Klimatisierungssystem – nur beiläufig preisgibt. So belebt sich die auf den fernen Blick gleichförmig helle Außenhaut in der Nahsicht mit Licht und Wetter. Auf den Beton ist eine Schicht fein gekörnter Untersberger „Marmor“ (ein Kalkstein) gelegt, der sich bei Nässe leicht rötlich verfärbt und dessen Struktur sich akzentuiert durch rhythmisch gesetzte senkrechte Fugen, die als feine Luftkanäle wiederum Form und Funktion mit eleganter Dezenz verbinden.

Das Ganze kostet übrigens vorbildlicherweise nicht mehr als 25 Millionen Euro. Und der einzige, irgendwie dann doch salzburgtypische Fauxpas ist die Inneneinrichtung des mit einem spektakulären Ausblick gesegneten Museums-Restaurants. Es ersetzt nicht bloß das ursprünglich an dieser Stelle residierende und jedem Salzburg-Besucher zumindest aus der Postkartenperspektive bekannte „Café Winkler“. Seine Glasfront prägt auch die Stadt-Ansicht des Museums – doch innen hat der Südtiroler Designer Matteo Thun gegen den Protest der Museumsarchitekten eine Orgie aus rosalila Wandkitsch, vergoldeten Stuhllehnen und witzig gemeinten Kronleuchtern aus Hirschgeweihen veranstaltet.

Weil der Bau von FriedrichHoff-Zwick noch nicht ganz trocken ist, hat die selbstbewusste Museumsdirektorin Agnes Husslein vor die offizielle Eröffnung am 23. Oktober bereits zur Festspielzeit ein „Pre-Opening“ gestellt: „ein-leuchten“ heißt die bis 31. August dauernde Schau mit Licht- und Videoinstallationen, die überwiegend aus dem Bestand der Kuratorin Francesca von Habsburg und ihrer Thyssen-Bornemisza-Sammlung stammen; anders als hängende Bilder oder schwerlastige Skulpturen beeinträchtigen sie nun nicht die noch trocknenden Wände und Böden des Baus.

Dafür sind freilich die meisten Ausblicke und natürlichen Lichtquellen verhängt – aber auch diesen Attraktionsverlust scheint das neue Museum mit Grandezza zu überspielen. Und so strahlt es gleichsam von innen: mit dem schicken Gelichter von Carsten Höller, Tracey Emin, Julian Rosefeldt, Jenny Holzer, Pipilotti Rist und Diana Thater

Was dann ab Ende Oktober als „Vision einer Sammlung“, so der Titel der Eröffnungsausstellung, tatsächlich zu sehen sein wird, ist noch unklar. Jedenfalls wird Agnes Husslein nur begrenzt auf die klassisch-moderne (und von Klimt und Schiele bis Arnulf Rainer stark österreichisch geprägte) Kollektion des unten im Tal gegenüber dem Festspielhaus angesiedelten Museums Rupertinum zurückgreifen. Das neue Haus auf dem Berg ruft schon vernehmbar: nach dem Neueren.

Kostjas Ruf in der „Möwe“ verhallt da noch unerhörter. Doch der 35-jährige Dramatiker und Regisseur Falk Richter von der Berliner Schaubühne hat ihn immerhin vernommen und sich das Stück in einer schmalen, spröd-intelligenten Version nahe geholt. Mit einigen Verlusten, mit ein paar Unschärfen auch. Aber der alte Wein in Plastikbechern stört nicht nachhaltig, und die in Aeroflot-T-Shirts (Mark Waschkes Kostja) oder heutigem Gruftie-Schwarz (Jule Böwes alkoholisch untröstliches Mädchen Mascha) agierenden jüngeren Akteure sind deutlich präsent; sie kreisen um den müd erotischen Erfolgsschriftsteller Trigorin (André Jung) und den sarkastischen Arzt Dorn (Sylvester Groth), beide Tschechows eigene Doppelgänger, im offenen Zentrum. Nur Sylvana Krappatsch als dominante Kostja-Mutter und Provinz-Duse Arkadina will mit ihren forciert komödiantischen Anke-Engelke-Gesten bisweilen allzu deutlich klarmachen, dass sie hier immer alle nur Theater spielen.

Salzburgs größtes Theater ist ja ohnehin das ums Theater. Gerade geht es um die Nachfolge des 2006 ausscheidenden Intendanten Peter Ruzicka, der ebenso wie sein Schauspieldirektor Jürgen Flimm die von Gerard Mortier zuvor vergraulten Traditionalisten wieder mit den sanften Neuerern versöhnt hat. Flimm wird nun bis 2007 (als Nachfolger Mortiers) die Ruhr-Triennale leiten – und steht voller Lust und Energie bereits als sein eigener Über-Vater 2006 wieder in Salzburg bereit. Er gilt am Mönchsberg als Favorit, selbst wenn er 2006/07 mal eben zwei Festivals unter den Direktorenhut kriegen müsste.

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