Kultur : Stirn in Stein

Friedrich Nietzsche, wie Max Klinger ihn sah

Kerstin Decker

Lauter Nietzsche-Köpfe. Walrossbart, kurzsichtige Augen. Man kennt das: Die Kurzsichtigen gucken immer wie der leibhaftige Wille zur Macht. Dabei wollen sie die Welt nur ein bisschen schärfer stellen. Und Nietzsche sieht aus wie Nietzsche. Aber eben das ist der Irrtum. Die Ausstellung im Kolbe-Museum beweist es.

In den meisten Ausstellungen ist zu viel drin. Im Kolbe-Museum ist nur kommentierter Nietzsche in Stein, und der Übersichtlichkeit halber auch nur der von Max Klinger. Ob der Philosoph geahnt hat, dass seine größte Frage eigentlich eine Bildhauer-Frage war: Wie wird man, was man ist? Und vor allem dann, wenn man es schon nicht mehr ist. Wie wird aus einem umnachteten, apathischen, von Krämpfen geschüttelten, kurzsichtigen Philosophen, dessen Blick nichts mehr hält, ein Weitsichtiger, ein Seher?

Schon der Fotograf, der die Nietzsche-Porträts der letzten Jahre machte, musste statt zwei Wochen Monate bleiben, um einige einigermaßen repräsentable Augenblicke abzupassen. Von denen man sagen konnte: Der Blick geht nach innen. Wahnsinn, der wie Vergeistigung aussieht! Bei der Totenmaske verrutschte die Nase und eine Augenbraue klappte herunter.

Das war Kolbes Material, als er nach Nietzsches Tod mit dem Porträt des Mannes begann, den er nie gesehen hatte. Zudem konnte Nietzsche ja nicht wissen, dass einmal Marmor- und Bronzebüsten von ihm gemacht werden. Vielleicht hätte er seine Halbgesichtsmaske noch einmal geprüft.

Ein Bart mit einem Denker? Dabei hatte der zurückhaltende, leise, höfliche Philosoph nur die Weichheiten seines Mundes verdecken wollen. Allerdings gab es da noch die „Kinnfrage“. Nietzsches Schwester, Herrin über das Andenken ihres Bruders, fand immer das Kinn meist falsch dargestellt. Zu „tierisch“ vorspringend. Klinger verdeckte es kompromisslerisch mit viel Bart.

Vor allem aber lässt sich im Kolbe-Museum studieren, welchen Einfluss minimale Winkelkorrekturen auf den Gesamtausdruck eines Menschen haben können. Zum Beispiel, wenn man wie Klinger bei der ersten Büste die Stirn ein paar Grade steiler stellt. Und weist nicht sogar das Mundgestrüpp plötzlich Züge ins Genialische auf? Selbst die Kurzsichtigkeit wird adleräugig. Wer will schon einen höflichen, bescheidenen Philosophen sehen? Man beachte die „Verklassifizierung“ der Büste auf dem Weg zur vollständigen Gedenkreife. Und zum Barbier musste Nietzsche am Ende doch (Marmorherme).

„Klingers Nietzsche. Wandlungen eines Porträts 1902-1914“, Georg-Kolbe-Museum Berlin, Sensburger Allee 25, bis 8. August; Dienstag bis Sonntag 10-15 Uhr. Katalog 19 Euro.

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