Kultur : Stockhausen in der Straßenbahn

WOLF KAMPMANN

Zum 60.Geburtstag des Klang-Pioniers Holger CzukayVON WOLF KAMPMANNWar nicht erst sein letztes, vor wenigen Wochen erschienenes Album "Clash" ein reißender Strom von Drum & Bass? Und ist das nicht die Musik der Nachwachsenden? Sein größtes Abenteuer, die Gruppe Can, begann vor dreißig Jahren, also genau auf der Hälfte von Czukays bisherigem Weg.Vergegenwärtigt man sich jedoch deren Song "Yoo Doo Right" von ihrem Debüt-Album "Monster Movie", so könnte diese Aufnahme auch vor zwei Jahren im Zenit des Alternative-Rock entstanden sein.Es klingt absurd: Holger Czukay wird sechzig. Das Abenteuer begann ganz unmusikalisch."Ich erinnere mich, an meinem vierten Geburtstag in Danzig mit meinem kleinen Bruder losgezogen zu sein und Steine auf eine Schiene gelegt zu haben, weil ich unbedingt mal eine Straßenbahn entgleisen sehen wollte.Ich versteckte mich im Eingang einer Bäckerei und sah zu, wie der Straßenbahnfahrer aussteigen mußte.Und das fand ich schon ganz toll." Nicht auszudenken, was aus Holger Czukay bei erfolgreicher Beendigung dieses Streiches geworden wäre.Der Krieg trieb die Familie gen Westen, und das Abenteuer nahm seinen Lauf.Zunächst ließ man sich in einem Dorf in der Nähe von Salzwedel nieder.Erst kamen die Amerikaner, die den hageren Jungen mit Schokolade versorgten, "und Schokolade symbolisierte für mich Frieden.Dann kamen die Russen, und auch die waren erst sehr nett, denn sie mochten Kinder und schenkten mir Geld." Doch bald geriet Czukay mit der Autorität in Konflikt.Als Konsequenz griff der heranwachsende heimliche Waffensammler mit ein paar Freunden eine von den Russen besetzte Schule an, legte Feuer und hätte wohl höllischen Ärger gekriegt, wäre seine Mutter nicht abermals mit ihm geflohen, diesmal endgültig in den Westen zu seinem Onkel namens Wilhelm Tell.Der Bundeswehr entging er, weil er bei der Musterung militant für den Erstschlag plädierte.Als Musikstudent ließ er sich in Steinstücken, damals eine winzige Westberliner Exklave bei Potsdam, nieder.Täglich mußte er mehrmals die Grenze passieren, wobei er sich mit einer Reihe von DDR-Grenzsoldaten anfreundete.Einigen von ihnen verhalf er zu einem vorzeitigen Besuch im Westen, was ihm wiederum nicht nur Freunde einbrachte, andere versorgte er mit den Segnungen des Westens.Diese Grenzer bezeichnet Czukay als seine ersten Kritiker."Die Vopos waren ja gar nicht so, wie man sie immer einschätzt.In Steinstücken stand eine Elite-Einheit von dreihundert Mann.Hundert davon waren Arschlöcher, hundert unentschieden und hundert wirklich in Ordnung.Sie zogen vor meinem Fenster auf und ab, während ich auf meinem Baß übte, und sagten mir, was ich gut mache und was nicht." Czukay übte, was das Zeug hielt.Als sein ehrwürdiger Professor dem fleißigen Studenten jedoch eine Laufbahn als Bassist bei den Berliner Philharmonikern in Aussicht stellte, packte diesen abermals das kalte Grauen.Er floh nach Köln, wo er Schüler von Karlheinz Stockhausen wurde.Dort traf er auf Irmin Schmidt.Der Rest ist Geschichte.So wie Can seit ihrer Gründung vor dreißig Jahren unzählige Bands, Projekte und Künstler von Public Image Limited und Brian Eno über The Fall, Bill Laswell und Sonic Youth bis hin zu Stereolab, The Orb und DJ Soul Slinger beeinflußt haben, ist auch die prophetische Erscheinung Holger Czukays zeitlich nicht zu orten.Nur sein Schopf hat sich von einem schwer definierbaren Mittelblond in ein leuchtendes Weiß verwandelt.Im Grunde ist er immer jener vierjährige Junge geblieben, der mit jedem neuen Album alles aus dem Gleis werfen möchte.

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