"Straße der Diebe" von Mathias Énard : Irrungen

Mathias Énards Roman „Straße der Diebe“.

Tobias Lehmkuhl

Straße der Diebe“ heißt Mathias Énards Roman, nach der Carrer Robador in Barcelona, einer Gasse im einst heruntergekommen Rotlichtviertel Raval. Bis Énards Held Lakhdar hier angelangt ist, dauert es allerdings eine Weile, obwohl der Weg vom marokkanischen Tanger in die katalanische Metropole, in Kilometern gemessen, nicht mal so weit ist. In Tanger wächst Lakhdar in einfachen Verhältnissen auf. Als Teenager verliebt er sich in seine Cousine, und sie sich in ihn. Sie küssen einander, werden ertappt, die Cousine wird zur Verwandtschaft ins Rif-Gebirge verbannt, und Lakhdar verlässt die Familie auf Nimmerwiedersehen. Lange lebt er auf der Straße, findet schließlich Unterschlupf bei einer „Gruppe zur Verbreitung des islamischen Gedankenguts“ und verkauft vor deren Moschee erbauliche Bücher. Als er meint, an Extremisten geraten zu sein, flüchtet er erneut, schlägt sich mit verschiedenen Arbeiten durch und landet schließlich in Barcelona.

Eine moderne Odyssee also, könnte man meinen, vielleicht auch ein Schelmenroman, aber Lakhdar, der Icherzähler, hat so gar nichts Schelmisches an sich. Sein Erzählton ist im Gegenteil von großem Ernst. Er liebt die Reiseerzählung des Ibn Battuta, der ebenfalls aus Tanger stammte und im 14. Jahrhundert bis nach Asien reiste – für einen illegal in Spanien lebenden und bald auch wegen Mordes gesuchten Nordafrikaner unserer Zeit undenkbar. So hält sich Lakhdar an Romanen und Gedichten fest: ein schwärmerischer Zug an diesem ansonsten irritierend konturlosen Helden.

Mathias Énard, Jahrgang 1972, hat sich schon mit seinen Romanen „Zone“ und „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ einen Namen als virtuoser Grenzgänger zwischen morgen- und abendländischer Welt gemacht. Auch in „Straße der Diebe“ staunt man anfangs über die Natürlichkeit, mit der er in die Rolle dieses heranwachsenden Mannes schlüpft, dessen Schicksal von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Zeit geprägt wird. Dabei ging es Énard sicher darum, einen durchschnittlichen, allenfalls ungewöhnlichen literarisch interessierten Menschen zu zeichnen, der ihm mehr oder weniger als Vehikel dient, um eine ganze, weitaus komplexere Welt darzustellen.

Genau da liegt das Problem: Lakhdar wäre als Gegenstand einer Reportage interessant, als Held eines Romans ist diese Figur überfordert. Lakhdar ist ein guter Junge, seine fortwährenden Gedanken zur aktuellen Lage der Dinge in Tunis, Damaskus und Barcelona aber sind einigermaßen schlicht. Überhaupt hat man den Eindruck, Énard hätte besser nicht so sehr darauf geschielt, am Puls der Zeit entlang zu schreiben. Der arabische Frühling und die Protestbewegung in Spanien, die viel Platz einnehmen, sind selbst zu flüchtige Ereignisse, als dass man sie so zwischen zwei Buchdeckeln festhalten könnte. Tobias Lehmkuhl

Mathias Énard: Straße der Diebe.

Roman. Aus dem

Französischen von

Holger Fock und

Sabine Müller.

Hanser, Berlin 2013. 350 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben