Kultur : Streit wegen Pius XII: Vatikan beschuldigt jüdische Historiker

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Das ist der Stoff, aus dem sich großer Streit entwickeln könnte: Ein christlicher Würdenträger beschimpft jüdische Historiker. Eine "Verleumdungskampagne" wirft er ihnen vor, die "Verbreitung verzerrter und tendenziöser Nachrichten" in "eindeutig propagandistischer Absicht". Autor dieser Erklärung des vatikanischen Presseamts ist der deutsche Jesuiten-Pater Peter Gumpel, der in Rom die Seligsprechung von Papst Pius XII. betreibt. Adressaten sind die Mitglieder der jüdisch-katholischen Historikerkommission, die sich seit 1999 auf Initiative des Heiligen Stuhls mit der Rolle des Papstes während der NS-Zeit beschäftigt. Gumpel wittert hinter der Arbeit der Kommission eine Kampagne gegen die katholische Kirche. Anfang der Woche war ihm nun der Kragen geplatzt. Seitdem donnert es aus den USA nicht minder heftig zurück. Die Vertreter jüdischer Organisationen sprechen von "vollkommen unbegründeten Beschuldigungen", die bloß dazu beitragen, die Zweifel an der Rolle von Pius XII. zu bestätigen.

Der Disput berührt eine offene Wunde im katholisch-jüdischen Verhältnis. Spätestens seit Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellverteter" aus dem Jahr 1963 wird über die Frage diskutiert, ob und warum es Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs - trotz zahlreicher Hinweise auf den Massenmord an den europäischen Juden - unterlassen habe, die Kirche zu mobilisieren. Die fünfköpfige Historikerkommission hatte ihre Arbeit im vergangenen Monat aus Protest eingestellt, weil ihr vom Vatikan der Zugang zu bislang unveröffentlichtem Archivmaterial verweigert worden war. Gumpel macht dafür technische Gründe verantwortlich. Das Material sei noch nicht archiviert. Die elf zugänglichen Bände enthalten nur vom Vatikan ausgewählte Schriftstücke. Die Kommission kann nicht nachprüfen, was fehlt, vergessen oder gar unterschlagen wurde. Die gemeinsame Historiker-Initiative jedenfalls darf als gescheitert gelten.

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