Kultur : Stricke und Steine

Zum 70. Geburtstag des Politkünstlers Hans Haacke

Bernhard Schulz

Gras ist über die Sache gewachsen: Was dem Bundestag eine eigene Abstimmung wert war (260 zu 258 Stimmen), ist längst Inventar geworden: Hans Haackes Installation im südlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes. „Der Bevölkerung“ lautet der Schriftzug im Erdtrog, typografisch der Reichstagsinschrift „Dem Deutschen Volke“entsprechend. Haacke wollte damit auf den in seinen Augen diskriminierenden Begriff „Volk“ aufmerksam machen. Dass sich etliche Abgeordnete darüber erregten, darunter der heutige Bundestagspräsident Norbert Lammert, gehört gewissermaßen zum Kunstwerk dazu.

Auch Haacke, der seit 1965 in New York lebt, hat die Erfahrung gemacht, dass politische Provokation ihre Halbwertszeit hat. Sein ganzes Lebenswerk ist Provokation. Oft setzte er sich in seinen Installationen mit der aktuellen Politik auseinander, am häufigsten der seines Gastlandes USA. Noch lieber aber nimmt er die geheimen Verstrickungen des Kunstbetriebs ins Visier – und wurde 1971 mit der Ablehnung seiner geplanten Einzelausstellung im New Yorker Guggenheim Museum schlagartig berühmt, als er die Immobilienaktivitäten einiger Museumsmäzene untersuchen wollte. „Großgrundbesitz in New Yorker Slums“ sei für den damaligen Museumsdirektor „kein kunstwürdiges Thema“ gewesen, erklärte Haacke Jahrzehnte später nachsichtig, denn der Kunstbetrieb hat ihn keineswegs ausgesperrt. Im Gegenteil. In den Achtzigern gehörten seine Arbeiten zu jeder Großausstellung. Drei Mal war er bei der Documenta vertreten – 1987 mit einem Frontalangriff auf Daimler-Benz und die Deutsche Bank. Und 1993 durfte er mit seiner sozialpolitisch engagierten Kunst den Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig gestalten. Es wurde eine der beklemmendsten, historisch präzisesten Auseinandersetzungen mit dem zur NS-Zeit neoklassisch umgestalteten Bauwerk. Im Inneren brachte er den Fassadenschriftzug „Germania“ an, ließ den Marmorfußboden herausreißen und zu Trümmern zerbrechen. Darüber hinweg musste stolpern, wer den Pavillon erkunden wollte – als Reminiszenz an das Treffen Hitlers mit Mussolini 1934.

Heute ist Haacke ein hochrespektables Mitglied des Kunstbetriebs – ein Widerspruch, der ihn zu der altersmilden Einsicht verleitete, Künstler sollten „keinem Größenwahnsinn verfallen und etwa meinen, aus dem Stand die Gesellschaft umzukrempeln“. Umgekrempelt hat auch er sie nicht – aber ein gutes Stück selbstkritischer gemacht, das schon. Heute feiert der gebürtige Kölner seinen 70. Geburtstag.

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