Studie : Lyriker Oskar Pastior war Securitate-Informant

Der rumäniendeutsche Lyriker Oskar Pastior war von 1961 bis 1968 Informant des kommunistischen Geheimdienstes. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist bestürzt über die Tätigkeit ihres Freundes.

Der rumäniendeutsche Lyriker Oskar Pastior, aufgenommen in Freiburg (Archivfoto vom 03.04.2001).
Der rumäniendeutsche Lyriker Oskar Pastior, aufgenommen in Freiburg (Archivfoto vom 03.04.2001).Foto: dpa

Oskar Pastior agierte unter dem Decknamen „Otto Stein“ für die Securitate. Das berichtet der Münchner Germanist Stefan Sienerth in der neuesten Ausgabe der wissenschaftlichen Vierteljahresschrift „Spiegelungen“. Pastior (1927-2006) war ein enger Freund der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. In ihrem Roman „Atemschaukel“ zeichnete sie seine Deportationsgeschichte nach.

Sienerth hatte zusammen mit seinem Kollegen Peter Motzan in den Archiven der rumänischen Behörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten, CNSAS, recherchiert. Pastior sei wegen nicht systemkonformer Gedichte, deren Manuskripte er bei einer Freundin versteckt hatte, von der Securitate zunächst in ein langes, schweres Verhör genommen worden.

Unter dem Druck des Verhörs habe Pastior schließlich am 8. Juni 1961 schriftlich eingewilligt, der Securitate als Informant zu dienen. Dies dauerte bis zu Pastiors Ausreise in den Westen, 1968. Vor der Rekrutierung habe die Securitate Pastior seit dem Jahr 1957 systematisch beobachtet, ebenso wie die gesamte damalige rumäniendeutsche Literatenszene.

Herta Müller bestürzt über Pastiors Securitate-Tätigkeit

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat sich bestürzt über die frühere Tätigkeit ihres enges Freundes Oskar Pastior für die Securitate geäußert. Als sie davon vor einigen Wochen erstmals erfuhr, habe sie „Erschrecken, auch Wut“ verspürt, sagte sie in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Es war eine Ohrfeige.“ Ihre nächste Reaktion sei aber „Anteilnahme“ und „Trauer“ gewesen.

Herta Müller hatte erst am Donnerstag erneut die Verstrickungen von Schriftstellern mit der früheren Diktatur und dem damaligen Geheimdienst Securitate in ihrer alten Heimat Rumänien beklagt. Die Nobelpreisträgerin von 2009 kritisierte in einem Interview mit der rumänischen Tageszeitung „Romania libera„ (Donnerstagausgabe) außerdem, dass kaum ein Literat, der Securitate-Informant war, dies aus freien Stücken zugegeben habe.

Keiner dieser Verstrickten habe sich jemals bei ihr entschuldigt, im Gegenteil, „sie versuchen alles zu leugnen„, sagte Müller. „Vor dem Verzeihen müssen aber die Dinge geklärt werden, die betreffende Person muss wenigstens sagen, dass es ihr Leid tut, sie muss sagen, was sie getan hat und nicht leugnen bis zum Geht-Nicht-Mehr“. In den 20 Jahren seit dem Fall der Diktatur „hätten sie Zeit gehabt, zu erklären, zu sagen, dass sie ein Problem auf dem Gewissen haben“, doch hätten sie „gehofft, dass man es nie erfährt“, sagte Müller weiter. Die Schriftstellerin kritisierte zudem, dass zu wenige ihrer Kollegen sich damals offen gegen die Diktatur gestellt hätten. (dpa)

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