Kultur : Stumme Diener

Zwei Ausstellungen in Wien und Berlin entdecken das Biedermeier neu

Michael Zajonz

Warum unsere Möbel trotz aller Mobilität ein gewichtiger Teil von uns geblieben sind, erklärt Joseph Brodsky in seinem Buch „Ufer der Verlorenen“ so: „Schließlich schaffen wir, wie der Allmächtige selbst, alles nach unserem Bilde,..., und unsere Gebrauchsgegenstände sagen mehr über uns als unsere Bekenntnisse.“

Wird der Hausrat irgendwann historisch, interessieren sich Sammler, Künstler und Wissenschaftler dafür. Sie bewahren die Stücke vor dem Untergang und neigen bei ihrer Neuinterpretation naturgemäß zu mancher Fehleinschätzung. Das Biedermeier zum Beispiel, jener Einrichtungsstil des frühen 19. Jahrhunderts, der im gesamten deutschsprachigen Raum verbreitet war, galt lange als bürgerliches Gegenmodell zum höfischen Empirestil.

Die Ausstellung „Biedermeier. Die Erfindung der Einfachheit“, derzeit in der Wiener Albertina und ab 8. Juni im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen, räumt mit dieser Legende gründlich auf. Erfunden wurde das Biedermeier um 1800 nämlich nicht von mündigen Bürgern, sondern an den Höfen von Wien, München, Berlin, Weimar, Stuttgart oder Karlsruhe. Höchste Einfachheit galt den hohen Herrschaften damals, im Gegensatz zum Empire der Staatsgemächer, als privater Luxus – und war, bei erstklassiger Verarbeitung im Detail, ähnlich kostspielig.

Wie schnell und umfassend sich dieser Qualitätsanspruch und der damit verbundene Lebensstil, der schließlich einer ganzen Epoche ihren Namen gab, in breiten Bürgerschichten durchsetzen konnte, darüber sind sich Experten nicht einig. Definiert man Biedermeier nicht nur als Kult schöner teurer Dinge, sondern als eine aus dem Geist von Aufklärung und Romantik gewachsene Freundschafts-, Freizeit- und Geselligkeitskultur, dann hat das gebildete Bürgertum ohnehin von Anfang an daran mitgewirkt.

Als solch ein kulturhistorisches Bürgerbegehren wird Biedermeier derzeit in der Ausstellung „Biedermanns Abendgemütlichkeit – Berlin von innen 1815 – 1848“ im Ephraim-Palais beleuchtet. Im von Dominik Bartmann eingerichteten Parcours sieht man kaum Möbel und Silber (dafür muss man einmal quer über die Straße ins gerade wiedereröffnete Knoblauch-Haus), sondern Tagebücher, Theaterprogramme, Tischkärtchen. Wien gegen Berlin, Stilgeschichte versus Kultursoziologie: Wer sich ein umfassendes Bild der Epoche machen möchte, sollte beide Ausstellungen sehen.

Denn zum Biedermeier gehören nun einmal sowohl das Großartige wie das Bescheidene, das Erhabene und das Sentimentale. Wohnräume waren eben nicht nur mit Möbelstücken, die oft genug wie Vorwegnahmen von Bauhaus oder Art Deco wirken, und hochwertigen Gemälden gefüllt, sondern auch mit allerlei Krimskrams. Auf „Zimmerbildern“, Aquarellen, die sich als „Porträts“ von Wohnräumen größter Beliebtheit erfreuten, erkennt man diese wilde Mischung aus Kunst und Kitsch. Ein irritierender Befund, den die Kuratoren beider Ausstellungen nicht zusammenbringen wollten. Stattdessen konzentriert sich jede Ausstellung auf einen Aspekt.

Lernt man im Ephraim-Palais eine Gesellschaft kennen, die sich seit der politischen Restauration nach 1815 zunehmend im Privaten artikuliert, steht in der Albertina der künstlerische Aufbruch jener Jahre im Mittelpunkt. Die wirklich atemberaubenden Stücke sieht man in Wien: etwa die Schränke, Kanapees, Stühle und „Stumme Diener“ genannten Regalmöbel aus Mahagoniholz, die Erzherzog Karl, der Heerführer der Befreiungskriege, ab 1822 in der tonangebenden Wiener Möbelfabrik von Josef Danhauser für das Albertina-Palais in Auftrag gegeben hat; oder die lichten Landschaften des Dänen Christoffer Wilhelm Eckersberg; die anrührenden Kinderbildnisse von Ferdinand Georg Waldmüller; böhmische Glasbecher, die in Wien mit filigranen Schmetterlingen und Goldfischen bemalt worden sind; glänzende Chronometer; ein silberner Fruchtkorb, der aussieht, als ob er von Alessi wäre.

Ob Gemälde oder Gebrauchsgegenstand, in Wien werden alle 450 Ausstellungsstücke als Kunstwerke präsentiert. Sie leuchten vor farbigen Wänden in bisher nie gesehener Opulenz. Das ist ihrem Rang angemessen – und doch etwas zu wenig. Das Kuratorenteam um Albrecht Pyritz, Maria Luise Sternath-Schuppanz und Laurie Winters geizt jenseits des gewichtigen Katalogs mit weiterführenden Informationen.

Großen Erfolg kann man der „Erfindung der Einfachheit“, die im Milwaukee Art Museum gestartet ist und nach Wien und Berlin im Louvre zu sehen sein wird, dennoch voraussagen: zumal in Wien, wo sich um 1900 die Hausheiligen der Wiener Moderne, Adolf Loos, Otto Wagner, Josef Hoffmann, auf den frühen, geometrischen Biedermeierstil berufen haben. Das radikal Reduzierte, gleichsam Protomoderne erklärt auch, warum in deutschen Museen (im November folgt eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt) derzeit so viel davon zu sehen ist. Es geht hier eben nicht um die behäbigen, mit gestreiftem Blümchenstoff bezogenen Kirschholz-Kompletteinrichtungen, die unsere Eltern und Großeltern so liebten. Den Trend beobachten übrigens auch Händler: Gefragt ist das extravagante Einzelstück. Die Preise an der Spitze der Qualitätspyramide steigen wieder, seit amerikanische Museen ausgesuchtes Mobiliar erwerben.

Das frühe Biedermeier (bis etwa 1830) ist die Kunst einer Zeit, die das Individuum in den Mittelpunkt gerückt hat. Und dabei die Chimäre einer schützenden, wertbeständigen Häuslichkeit erfand, die heute in Phänomenen wie dem Edelversandhaus Manufactum bis hin zu den allgegenwärtigen TV-Kochsendungen wiederauflebt. Bei so viel Harmonie vergisst man leicht, dass der Begriff Biedermeier als Spottname geboren wurde. 1855, sechs Jahre nach der gescheiterten Revolution, kreierten der Arzt Adolf Kussmaul und der Anwalt Ludwig Eichrodt für das Münchner Satiremagazin „Fliegende Blätter“ die Kunstfigur des schwäbischen Schulmeisters und Hobbydichters Weiland Gottlieb Biedermaier. Der sah selbstzufrieden zu, wie in seinem Gärtlein alles wuchs und gedieh. Teures ausländisches Mahagoniholz war für ihn kein Thema.

Albertina Wien, bis 13. Mai, Katalog (Hatje Cantz) im Museum 29 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro.

Stadtmuseum Berlin, Ephraim-Palais, bis 29. April, Katalogheft zum Knoblauch-Haus 7,90 Euro.

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