Kultur : Stupid White Man

Die Münchner Kammerspiele feiern ihre Wiedereröffnung mit Luk Percevals nachtbleichem „Othello“

Peter von Becker

Sie sind das schönste Theater Deutschlands. Und doch glichen die Münchner Kammerspiele hinter der Bühne lange Zeit einem reichen Armenhaus. Zwar ist die Theaterwelt jenseits der Kulissen ohnehin viel unglamouröser, als das Publikum glaubt. Aber wer in den Hinterhofgrüften der alten Kammerspiele je die Garderoben von Größen wie Rolf Boysen und Thomas Holtzmann gesehen hat, erinnert statt irgendeiner Mischung aus Spitzweg und Striese (= Künstlerromantik) eher eine Theaterhaftanstalt: mit spartanischen, schimmelgrün kahlen Zellen.

Das ist jetzt vorbei. Zweihundert Millionen Euro haben sie in neue blitzende Hinterhäuser mit Probebühnen, Werkstätten, Magazinen und Künstler- und Direktionsetagen verbaut, drei Jahre die Bühne geschlossen und den Intendanten (von Dieter Dorn zu Frank Baumbauer) mitsamt dem Ensemble gewechselt; auch das Theatercafé „Kulisse“, das im Eingangsbereich an der Maximilianstraße eigentlich „Foyer“ heißen müsste, strahlt mit frischem Schick, und innen, neben der Kartenausgabe, gibt’s jetzt noch eine Stehbar, wie beim Friseur. Nur drinnen, also im wirklichen Theater, sieht es trotz neuer lindgrüner Bestuhlung noch immer aus wie seit 1972. Da hatten sie das Haus zu den Olympischen Spielen schon mal restauriert und das (von den Nazis zugebaute) wunderbare Bühnenportal des Jugendstil-Architekten Richard Riemerschmid wieder freigelegt.

Weil das den Münchnern damals schon sehr lieb und teuer war, dachte man, das hält nun für lange, und in Italien beispielsweise hätte man darin 300 statt nur 30 Jahre weitergespielt. Andererseits schafft man’s dort, ein abgebranntes Theater wie das venezianische Fenice in zehn Jahren nicht wieder aufzubauen – da sollten wir uns doch nicht beklagen. Und mit Venedig beginnt es nun auch in den Kammerspielen. Als hätte aber Frank Baumbauers Team der Festgemeinde, angeführt vom enthusiasmierten Bürgermeister Uhde und viel zugereister Theaterprominenz, gleich in die eher ernsten neuen Zeiten heimleuchten wollen, strahlt der Eröffnungs-„Othello“ auf vorhangloser Bühne von Anfang an in sehr dunklem Glanz.

Bei Shakespeare ist die „Tragödie des Mohrs von Venedig“, so der ganze Titel, eine Reise aus dem venezianischen Vorabend eines Krieges ins gleißende Licht der Insel Zypern, wo der schwarze General Othello im Sold der Serenissima die Türken besiegt und im Triumph dann abstürzt ins Zwielicht der Intrige und Eifersucht, endend in der Nacht des Mords an seiner weißen Desdemona. Da sind viele Farben und Töne der Politik und der Liebe im Spiel. Der Flame Luk Perceval setzt in seiner nur zweistündigen Münchner Inszenierung dagegen gleich auf den Einton, auf das Nachtstück. Es sind nur fahle Lichtschneisen, die drei weißkalte Scheinwerfer aus dem Hintergrund und von der Seite in die schwarze Szene ziehen. Schwarz und weiß, wie die Tasten des Klaviers, ist auch der riesige Flügel, den die Bühnenbildnerin Katrin Brack als einziges Requisit außer einem Stuhl (für den Dogen) aufgebaut hat.

Plötzlich huschen ein halbes Dutzend Männer im trüben Zwie- und Gegenlicht ins Bild, in heutigen schwarzen Anzügen, irgendwann entdeckt man eine Schlafende auf dem Podest des Flügels, das wird Desdemona sein, und eine junge farbige Frau auf High Heels entpuppt sich später als Emilia, des Intriganten Jago Frau. Jago ist hier der kleine, scharfe, tollfiese Schauspieler Wolfgang Pregler, der am liebsten rechts oder links außen nur am Portal lehnt, aus dem Halbdunkel ins Publikum schaut, und schon seine zweite Replik, im Geplänkel mit dem Offizierskollegen Rodrigo, wird zur schnellen, atemlos fetzigen Suada. Zu einem Hassgebräu, einem Fäkalwortsud: zum in dieser Inszenierung immer wiederkehrenden Rap des Fickschwanzscheißfotzen-Jargons.

Der Neger steckt nur im Kopf

Und hier muss man anmerken: Der Abend ist als Shakespeares „Othello“ in „einer Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel“ annonciert. Das macht neugierig, aber schon bei diesem ersten Ausbruch Jagos, in dem der karrieregeile Rassist und spätere Verderber des schwarzen Generals einen Zoten- und Zerstörungsfuror sondergleich vorlegt, denkt man sich: Was kann jetzt noch kommen, eine andere Farbe, ein anderer Ton – und gar eine Steigerung? Zunächst kommt Othello. Auch er im schwarzen Zivil mit offenem weißem Hemd, und ohne die übliche Mohrenschminke. Der Neger, der Nigger, von dem die Venezianer reden, ist also wie der Sex, der Rassismus und jeder Hieb und Wahn in dieser heißkalten, schwarzweißen Aufführung – nur im Kopf.

Wortreiche Sprachlosigkeit

Doch für den Kopf, für die eigene Fantasie tut die Inszenierung fast nichts. Der große, in früheren Shakespeare-Versionen Percevals, als Richard III. oder als King Lear of Pain, so großartige Schauspieler Thomas Thieme gibt hier nur einen dicken, eher zum Missmut als zur Heißglut bereiten Bürger: keinen, hinter dem das Chaos und eine zivilisationsbrechende reichere Kultur (oder Natur) vibriert. Wenn er sich entblößt, ist da keine schwarze, weiße oder weite Seele, sondern ein nackter Bauch und Hosenträger. Anfangs hat Thieme noch einen unterspielenden, leise lauernden Ton – dann holt auch ihn die Sprache, die Sprachlosigkeit dieser Shakespeare-„Bearbeitung“ ein. Der türkisch-deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Schöpfer der fabelhaften „Kanak Sprak“, ein intelligenter Kopf, hat hier leider nur zu wortreicher Ausdruckslosigkeit gefunden. Zotiges simuliert Heutigkeit oder gar Sinnlichkeit, aber genau gehört raschelt vor allem Papier.

Jago über Desdemona: „Triebe und Tendenzen ringen in ihr, in uns allen, um die Kontrollmehrheit.“ Redet so einer, redet einer so? Oder Othello: „Wär Desdi, das Leutnantdirnchen, ein libertäres Lottchen, das der Frauenfreiheit das Wort redet, fickte ich ihr schon die Flausen aus dem Kopf.“ Indes: „Die Tonnenkraft der Fakten erdrückt mich.“ Dieser Othello, den seine „Desdi“ (manchmal auch „Mona“) ihrerseits „mein Schokocrispie“ nennt, während es die Herren bei „Schoko“ oder „Schokostreusel“ belassen, dieser Othello mag zwar ungebildet sein („Vom Lesen wird man schwul“ gibt ihm Zaimoglu zu labern ein), doch selbst in dieser Fassung heißt es noch, dass er Desdemona, die weiße Patriziertochter, mit der Gabe seiner Rede, mit der Kraft seiner Geschichten bezaubert habe. Hier freilich spricht bestenfalls ein enthemmter Bürokrat: „Jetzt ist es an ihr, sich über ihre wahren Motive auszulassen.“ So klingt ein Satz, in dem es um den Grund der Liebe gehen soll.

Verkörpert und verspricht Othello indes keine Gegenwelt mehr, dann entfällt der Grund des ganzen Dramas. Auch er, der unbetrogen Betrogene, ist dann nur noch einer mehr von diesen stupid white men, wobei der rassenwahnhafte Potenzneid gegenüber dem alten weißen Neger die schiere Behauptung bleibt. Und wo es zotig, zynisch und auch mal komisch zugeht, da haben sich die Konflikte, Probleme, Spannungen des Stücks schon in der Sprache selbst erledigt. Bei Percevals legendären Shakespeare-„Schlachten!“ war das noch anders: eine Abenteuerreise von der Hochsprache bis ins Stammeln.

Auch körperlich entsteht in diesem Leerraum kaum Reibung. Thomas Thieme und die in Turnschuhen und weißem Schulmädchenkleid nur noch ahnbar intensive junge Julia Jentsch spielen um den großen Flügel ab und an Fangmich oder ruckeln und fummeln ein wenig aneinander, doch entzündet sich nichts. Neben Preglers Jago fällt nur noch mit ein paar agilen Momenten Bernd Grawerts Rodrigo auf; der Rest, vom Dogen, über Cassio bis zur Emilia – bloß Chargen im Nachtlicht. Selbst Jagos entscheidende Eifersuchts-Verführung bleibt an Othellos Ohr nur eine fürs Publikum unhörbare Einflüsterung. Doch den Gipfel der theatralen Sprachlosigkeit markiert der eigentliche Hauptdarsteller des Abends: „Othello“ wird zum Stück des Komponisten und Pianisten Jens Thomas, der am Flügel im Zentrum nicht einfach nur „begleitet“. Thomas sorgt mit Wüstenblues à la Abdullah Ibrahim und Jazzmeditationen im Keith-Jarrett-Stil durchgehend für die Stimmungs-Musik – als wär’s ein Filmmelodram. Als hätten die Spieler allein nicht genug zu sagen. Die aber wurden vom Premierenpublikum am Ende doch gefeiert, während Regisseur und Texter Buhrufe ernteten. So ist im neuen alten Haus ein Anfang gemacht. Wenn auch kein leichter.

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