Kultur : Subtile Zwiesprache der Zeichen

ELFI KREIS

Die Konzeption des Hamburger Bahnhofs sieht vor, allen Institutionen der Staatlichen Museen mit Sammlungen zeitgenössischer Kunst ein gemeinsames Forum zu bieten.Das Kupferstichkabinett ist nach seiner Werkschau der Holzschnitte von Franz Gertsch im vergangenen Jahr nun erneut im Museum für Gegenwart zu Gast.Mit der Ausstellung von Monika Brandmeier konzentriert sich das Haus diesmal auf ihren zweiten Sammlungsschwerpunkt: die Zeichnung.In drei Räumen des Obergeschosses werden über 200 Blätter Monika Brandmeiers aus den Jahren 1982 bis 1999 gezeigt.Die 1959 geborene, in Berlin und dem westfälischen Lünen lebende Künstlerin weist der Zeichnung innerhalb ihres Gesamtwerks einen herausragenden Stellenwert zu.Parallel entstehen - vielfach in Bezug auf das Medium Zeichnung - Installationen, Fotografien und Videofilme.

Ein Blatt, das hat vier Ecken.Monika Brandmeier setzt fast nichts darauf.Äußerst reduziert sind ihre Einzelwerke.Umso mehr beeindruckt die Sensibilität dieser stillen, äußerst subtilen Zwiesprache des Zeichenhaften.Oft geht die Künstlerin von den Kanten der kleinformatigen Papiere aus: Wie beiläufige Notate oder Fußnoten wirken die wenigen Linien und vereinzelten Farbflächen, die sparsam ausgewählten Formfragmente, Textpartikel oder Ziffern.Mit Minimalismus aber hat Monika Brandmeier nichts im Sinn.Weniger bedeutet bei ihr unter völlig anderen Vorzeichen mehr.Ihre zwischen Abstraktion und gegenständlichen Andeutungen changierenden Bildkürzel wollen in erster Linie nichts Abbildhaftes "bezeichnen".Die Künstlerin betreibt statt dessen eine Grundlagenforschung des Zeichnens.Im praktischen Atelierversuch erprobt sie von Blatt zu Blatt immer wieder neu die Möglichkeiten ihres Mediums.Monika Brandmeier stellt mit ihren Zeichnungen den Vorgang des Zeichnens selbst dar.

Ihre Arbeitsweise mit Pinsel, Öl- wie Aquarellfarbe, Feder und Tusche, verschiedenen Farbstiften, Klebebändern, Tesafilm, handgeschriebenen wie gedruckten Wort- und Satzschnipseln ist vor allem assoziativ.Eins entwickelt sich aus dem anderen.Dabei überläßt sich die Künstlerin zunächst ganz der spontanen Eingebung des Augenblicks.Bei der Zeichnung "4 Springseilchen" ist nicht mehr und nicht weniger mitzuverfolgen als der vierfache Start, das kraftvolle Anschwellen und langsame Verblassen und Verklingen eines Strichs, die Bewegung eines Farbstifts auf weißem Papier.Wo sich wärend dieses Vorgangs der "langsamen Verfestigung der Bildgedanken beim Zeichnen" ihre Findungen zu dinghaften Darstellungen verdichten, werden sie sprachlich benannt.Die Textelemente sind zugleich visuelle Bestandteile der Zeichnung.Ein mit "Billard" betiteltes Blatt erinnert gleichermaßen an Zeichenstifte und Billardstöcke, Haarteile wie Zopf oder Scheitel entsprechen der Farbspur vom Borstenhaar des benutzten Pinsels.

Monika Brandmeier entwickelt vielfach einen bild- und wortgewitzen Dialog aus zufälligen Analogien zwischen Bildzeichen und Bezeichnetem.Zu sehen ist, was man liest, beispielsweise "durch Ferngläser Biergläser".Was dabei zunächst wie beiläufig entdeckt und absichtslos notiert erscheint, läßt letztlich keinen Zweifel: Die Künstlerin mag dem Zufall, der Intuition zwar größten Spielraum gewähren, zugleich aber geht sie kontrolliert, diszipliniert, ja analysierend zu Werk.In ihren Arbeiten lenkt sie die Aufmerksamkeit auf winzige Abweichungen, feinste Unterschiede und Nuancen im Verlauf einer Linie oder der Beschaffenheit einer Farbfläche.Auf diese Weise baut sie höchst diffizile Bildspannungen auf, die eine ganz eigene, rudimentäre Poesie des Prozeßhaften bezeichnen.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, bis 11.Juli; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr.Katalog 49 Mark.

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