Kultur : Sündigen in Indien

Götter, Gurus, Glamour: Die „Bollywood“-Show im Berliner Admiralspalast

Sandra Luzina

Glückliches Indien – hat es doch einen Gott des Tanzes. Der Gott Shiva, Weltenzerstörer und Weltenerbauer, steht nun als goldglänzende Statue im Admiralspalast. Heiter und ungerührt blickt er auf das entfesselte Treiben: In „Bollywood – The Show“ wird getanzt bis zum Umfallen.

Bollywood forever. Die tanzseligen, kitschverliebten Hindi-Filme haben den europäischen Markt erobert, Schmachtfetzen wie „In guten wie in schweren Tagen“ oder „Veer & Zaara – die Legende einer Liebe“, die auf RTL 2 ausgestrahlt wurden, erzielten hierzulande Traumquoten. Die Versuchung war groß, die Bollywood-Ästhetik mit ihrem Bombast und ihrer übersteigerten Emotionalität auf die Bühne zu bringen, in dem Jahr, da Indien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist. Gleich zwei Produktionen mit Sari-Appeal touren jetzt durch Deutschland. Direkt aus der Metropole Bombay, heute Mumbai, kommt die Produktion „Bollywood – The Show“, dahinter stecken australische Produzenten und der britische Regisseur Toby, der es schon bei „Lady Salsa“ krachen ließ. „Bharati“ macht im Januar in Berlin Station und wurde von dem israelischen Produzenten Gashash Deshe auf die Beine gestellt.

Zur Deutschland-Premiere von „Bollywood – The Show“ in Berlin kam jede Menge C-Prominenz angetänzelt. Da fiel der Blick auf schief gewickelte Starlets, bebende Busen, die fast den Sari sprengten. Die größeren Schauwerte waren dann doch auf der Bühne zu bestaunen. Mit seinen angeblich über 1000 Kostümen und 4000 Schmuckstücken ist „Bollywood – The Show“ eine Ausstattungsrevue mit Glitter und Glöckchen, die freilich schnell in die Trash-Orgie abgleitet. Der Regisseur setzt ganz auf den Exotik- und Erotik-Faktor, da rutschen die Rocksäume schon mal etwas höher als im indischen Film erlaubt.

Der Herz- und Schmerz-Aspekt wird leider arg vernachlässigt, zumal der Magnetismus zwischen den beiden Hauptdarstellern gegen null tendiert. Carol Furtado fällt vor allem durch ihre missglückte Dauerwelle auf, Deepak Rawat überzeugt am meisten, wenn er – was oft passiert – sein durchsichtiges Hemd aufreißt.

Immerhin bietet die Show einen hübsch augenzwinkernd präsentierten Schnelldurchgang durch die Geschichte der indischen Filmindustrie. Der Trumpf von „Bollywood“: Unterstützt wurde die Show von Künstlern der berühmten indischen Filmdynastie Merchant. Die Filmkomponisten Salim und Sulaiman Merchant steuerten einen Remix ihrer Songs bei, inklusive des Bollywood-Hits „Shava, Shav“. Die 30-jährige Vaibhavi Merchant, in Bollywood mittlerweile ganz oben angelangt, zeichnet für die 29 Tanznummern verantwortlich. Und die Choreografin, die den Ehrentitel „Prinzessin der Romantik“ trägt, hat dann gleich noch ihre Familiengeschichte mit verarbeitet. Ganz ohne Story kommt schließlich kein Musical aus.

Die Geschichte von Göttern, Gurus und Filmstars beginnt im fernen Rajasthan. Die junge Ayesha überwirft sich mit ihrem Großvater. Shantilal war in der goldenen Ära von Bollywood ein gefeierter Regisseur. Als die Filme immer kommerzieller wurden, die Sitten verlotterten, zog er sich angewidert vom Filmbusiness zurück. Er hütet wieder das Feuer im Tempel des Shiva und lehrt klassischen indischen Tanz. Ayesha, vom Guru eingeführt in den Tanz der Götter, will nun selbst Karriere machen in Bollywood, worauf Shantilal sie verstößt. Ein Emanzipationsmärchen, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne ist aber nur Anlass für die ekstatisch-eklektischen Tanzszenen.

Die Kathak-Zitate und das sexy Bauchnabeling sind hübsch anzuschauen. Die Choreografin hat sich überall bedient. Ob Backstreet Boys auf Indisch oder „Saturday Night Fever“ reloaded – die wippenden, wirbelnden, zuckenden Inder liefern lustige Raubkopien und manchmal auch Parodien ab. Doch auf die Dauer wirkt die Nonstop-Party ermüdend, zumal die Musik aus der Konserve kommt und das Bühnenbild ziemlich billig ausfällt. Das große Finale bringt dann die Versöhnung von alten und neuen Moves, in Sari und Mini huldigen sie der allein seligmachenden Religion: Deine Disco braucht dich! Der Rausch aber bleibt aus an diesem Abend.

Vorstellungen bis zum 21. 10.

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