"Sumpflegende" von Paul Klee : Schlusskapitel einer unendlichen Geschichte

Die Stadt München einigt sich mit den Erben von Paul Klees „Sumpflegende“. Das Gemälde bleibt nun rechtmäßig im Museum Lenbachhaus.

Düstere Zeit. 1919 malte Paul Klee die "Sumpflegende".
Düstere Zeit. 1919 malte Paul Klee die "Sumpflegende".Foto: KSL / Städtische Galerie im Lembachhaus

Die hohe Kunst der Pressemitteilung führte am Mittwoch die Kulturstiftung der Länder (KSL) vor, als sie den Verbleib von Paul Klees Gemälde „Sumpfgelände“ in der Städtische Galerie im Lenbachhaus München verkündete. „Nach Jahrzehnten der Verhandlungen mit den Erben Sophie Lissitzky-Küppers’“, heißt es da, „konnte das Meisterwerk Klees nun durch einen Vergleich der Öffentlichkeit erhalten bleiben.“ Davor eine volle Seite ausführliche Beschreibung des Bildes und der Umstände seiner Entstehung und dann nur dieser eine, kleine Satz.

Die unselige Heimlichtuerei, die das Gemälde seit Jahren umgibt, endet also nicht einmal beim glücklichen Ausgang des Streitfalls. Denn ein solcher war es, einer der strittigsten Streitfälle überhaupt in der langen Reihe von Restitutionsbegehren um „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“, wie der terminus technicus lautet: um Nazi-Raubkunst. „Jahrzehnte der Verhandlungen“ gab es mitnichten, sondern Jahrzehnte der Abwehr von Ansprüchen, so hartnäckig und hartleibig, dass sich der seinerzeitige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zwischenzeitlich veranlasst sah, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) ins Stammbuch zu schreiben, Münchens Verweigerungshaltung sei „für das Ansehen Deutschlands mehr als fatal“. Ude hatte zuvor das Restitutionsbegehren mit Verweis auf ein – allerdings rechtskräftiges – Urteil des Jahres 1993 rundheraus abgeschmettert.

Der Fall ist in der Tat kompliziert. Klees Gemälde hatte der Leiter der Hannoveraner Kestnergesellschaft, Paul Erich Küppers, bald nach dessen Entstehung vom Künstler erworben. Küppers starb unerwartet früh 1922; seine Witwe und Erbin Sophie Küppers lernte den russischen, der jungen Sowjetunion begeistert zugetanen Künstler El (Lasar) Lissitzky kennen, der im Provinzialmuseum Hannover das „Abstrakte Kabinett“ einrichtete, heiratete ihn und ging mit ihm 1931 nach Moskau. Zuvor gab sie ihre (und Pauls) Sammlung dem Provinzialmuseum Hannover zur Aufbewahrung.

Sophie Küppers wurde nach Sibirien deportiert

Lissitzky starb 1941 an Tuberkulose, seine Frau Sophie wurde, wiewohl sowjetische Staatsbürgerin, als ethnische Deutsche vom Stalin-Regime nach Sibirien deportiert und konnte keinerlei Kontakt mit ihrer Heimat mehr halten. Das Klee-Bild wurde von den Nazis 1937 als „entartet“ beschlagnahmt und später an den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt veräußert.

„Danach verliert sich die Spur“, wie jetzt die KSL lapidar mitteilt; bis das Gemälde 1982 durch Ankauf von einer Schweizer Galerie für 600 000 Franken in das Münchner Museum kam. Der Sohn von Sophie Lissitzky-Küppers aus zweiter Ehe, der mit ihr in Nowosibirsk in erbärmlichsten Umständen aufgewachsene Jen, durfte 1989, elf Jahre nach dem Tod seiner Mutter, in den Westen ausreisen. Er nahm die Spur der verschollenen Sammlung auf, unterlag aber im Falle Klee 1993 im erwähnten Rechtsstreit mit der Stadt München. Demgegenüber erhielt Jen Lissitzky von der Fondation Beyeler in Basel eine millionenschwere Vergleichszahlung für Wassili Kandinskys Gemälde „Improvisation 10“, das ebenfalls Sophie Küppers gehört hatte.

Unrecht endlich bereinigt

Dann meldeten sich sukzessive weitere Anspruchsteller, aus der ersten Ehe von Sophie Küppers mit dem ursprünglichen Sammler Paul. Der Fall wurde breit publiziert, die Stadt München stand als Raubkunst-Profiteur am Pranger, zumal sich der Stadtrat hochoffiziell gegen eine Herausgabe des Bildes aussprach.

Unterdessen einigten sich die Erben; seit offenbar 2013 wurde tatsächlich verhandelt. Erst bot die Stadt eine halbe Million Euro auf dem Vergleichswege an, dann, nach Zurückweisung dieser als zu klein erachteten Summe durch die Erbengemeinschaft, wohl deutlich mehr. Wie viel nun tatsächlich gezahlt wird, um das Gemälde rechtlich einwandfrei im Lenbachhaus zu belassen, darüber wurde von allen Seiten Stillschweigen vereinbart. Sei’s drum. Das Wichtigste ist ohnehin, dass ein jahrzehntelanger, zumindest nach moralischen Maßstäben vorhandener Unrechtszustand endlich bereinigt werden konnte.

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