Kultur : Supermacht in Seide

China erobert London: Die Royal Academy of Arts feiert die Pracht der Qing-Dynastie

Julia Grosse

China ist Londons offizieller Kulturschwerpunkt des Jahres 2006. Die kommenden zwölf Monate sollen in Museen und Galerien neben historischen Zeugnissen auch zeitgenössische Positionen vorgestellt werden. China, die kommende Wirtschaftssupermacht, ist zwar in aller Munde. Doch vor allem unsere Kenntnis im Bereich der aktuellen Kunstproduktion ist nach wie vor gering. Und das, obwohl die Zukunft des Museums bald in China liegen könnte: das Kulturministerium teilte mit, dass bis 2015 eintausend neue Museen entstehen sollen.

Alles blickt nach vorn, und vielleicht beginnt Londons kulturelles China-Jahr deshalb gerade bewusst in der Vergangenheit. Wie eine Art historischer Einführungskurs. Die zu Recht gefeierte Ausstellung „China: Die drei Kaiser, 1662-1795“ in der Royal Academy of Arts präsentiert über 400 atemberaubende Objekte dreier Kaiser der legendären Qing-Dynastie, jener Dynastie also, die 1911 glanzlos zu Ende ging. Die Regierungszeit der drei bekanntesten Qing-Kaiser aus dem Volk der Mandschu – Kangxi, Yongzheng und Qianlong –, 1662-1795, war dagegen geprägt von Repräsentation, wirtschaftlicher Blüte und kultureller Neugier. Dennoch war der Genuss der Schätze stets nur einem erlauchten Kreis vorbehalten. Erst 1925 öffnete das neu gegründete Palastmuseum in Peking dem Volk seine Tore. Nach Jahrhunderten konnten die Chinesen endlich die Seele des Kaiserreichs bewundern.

Vor allem bei den aufwändigen Darstellungen glorreicher Taten wird deutlich, dass Kaiser Kangxi (1662-1722) und sein Enkel Qianlong (1736-95) die glanzvollen Helden waren. Gelehrte wie auch militärische Machthaber, unternahmen beide zahlreiche Reisen, förderten Kunst und Techniken, unterstützen den Tibetanischen Buddhismus aus privater wie politischer Motivation. Überschattet vom starken Vater und glanzvollen Sohn war der relativ kurz herrschende Yongzheng (1723-35). Die Ausstellung zeigt Yongzhengs Rolle als Kunstfreund und begeisterten, etwas bürokratisch daherkommenden Archivar: Auf meterlangen Rollbildern ließ er seine Sammlung aus kostbaren Vasen, Figuren, Schalen akribisch festhalten.

Neben bestens erhaltenen, prächtigen Gewändern, Porzellan, Kalligrafien oder verschwenderisch mit Jade besetzten rituellen Gefäßen sind die Höhepunkte der Schau die wandfüllenden Repräsentationsgemälde. In einer Architekturzeichnung aus der Qianlong-Herrschaft liegt einem das schneebedeckte Peking aus der Vogelperspektive als nervöse Metropole zu Füßen. Im Vordergrund das geschäftige Finanzviertel, erstreckt sich dahinter die Verbotene Stadt, das Zentrum des Hofalltags. Die Kaiser Kangxi und Qianlong ließen ihre Reisen und Kriege für die Ewigkeit festhalten und forderten von der Malerei das, was heute ein großes Kamerateam leisten kann. Kaiser Qianlongs südliche Inspektionstour wurde auf zwölf Rollen reiner Seide gebannt. Eine Art narrative Dokumentation, in verklärender Gestalt eines pompösen Historienpanoramas. Die letzte, die Heimkehrszene, löst sich auf in endlosen Mustern aus gelb uniformierten Leibwächtern: Die Darstellung der Macht wird hier erhöht zur absoluten Ästhetik.

Die Tatsache, dass am Hof auch europäische Maler, wie der italienische Jesuit Guiseppe Castiglione, beschäftigt waren, brachte reizvolle künstlerische Kompromisse hervor. Jagdszenen erscheinen in perfekter Zentralperspektive, die sanft modellierten Gesichter verliehen den Herrschern individuelle Züge. Material – Tinte, Seide – und zarte Symbolik blieben dagegen der chinesischen Tradition verhaftet, und die Macht des Kaisers lag nicht zuletzt auch darin, sich in den unzähligen Darstellungen immer wieder neu zu erfinden. So erscheint Kaiser Qianlong einmal beseelt als tibetanischer Lama. In einem anderen wandfüllenden Bild sitzt er hoch zu Ross wie Davids Napoléon, sein plastisch gestalteter Kopf ragt aus einer zeremoniellen Rüstung, die Castiglione in chinesischer Tradition als durchmusterte Fläche gestaltete.

Vor rund zwanzig Jahren, im Sommer 1985, gaben diese einzigartigen „Schätze aus der Verbotenen Stadt“ ein Gastspiel im damaligen West-Berlin und bescherten dem Martin-Gropius-Bau innerhalb von drei Monaten traumhafte Besucherzahlen: Die Bestände aus den Palastmuseen sahen damals über 400 000 Besucher. Die Ausleihe der Werke bedurfte seinerzeit erheblicher diplomatischer Anstrengungen.

Wenn heutzutage in London der chinesische Botschafter zur Eröffnung feierlich verkündet, dass seine Regierung die Ausstellung in der Royal Academy begeistert unterstützt, mag das stimmen. Denn die Zeiten haben sich geändert. Und längst weiß China, dass internationaler Kulturaustausch für eine Wirtschaftsgroßmacht von enormem Nutzen sein kann.

London, Royal Academy of Arts, Piccadilly, bis 17. April. Katalog 27,95 Pfund.

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