Kultur : Sympathie macht schön

Gainsborough ist der beliebteste englische Maler. Nun will die Londoner Tate beweisen, dass er auch modern ist

Christina Tilmann

Selbst der große Konkurrent Joshua Reynolds war, wenn auch widerwillig, beeindruckt: „A kind of magick“ sei in Gainsboroughs Porträts am Werk, so der Präsident der Royal Academy, so dass alle Kratzer, alles Chaos aus der Distanz gesehen Form annähme und alle Teile an ihren richtigen Platz zu fallen scheinen. Andere Zeitgenossen bemängelten hingegen, dass in seinen Bildern ein feiner Kopf auf einem anatomisch schlecht ausgeführten Körper sitze. Und Edward Burne-Jones, Hauptvertreter der viktorianischen Malerei, sprach von „Humbug“: Reynolds sei schon in Ordnung, der habe zwar keine Einfälle, könne aber wenigstens malen. Gainsborough jedoch sei einfach ein Hochstapler.

Die ungnädigen Urteile sind längst Vergangenheit. Thomas Gainsborough ist Englands beliebtester, erfolgreichster Maler. Die Leichtigkeit und Eleganz, die Sensibilität und Menschenfreundlichkeit, die aus seinen Porträts strahlen, haben das Herz des Publikums gewonnen. Seine Hand sei so leicht wie eine vorbeiziehende Wolke, so schnell wie ein Strahl Sonnenlicht, schrieb der Schriftsteller John Ruskin schon Ende des 19. Jahrhunderts über den Maler, der für ihn zu den fünf besten englischen Künstlern gehörte. Für den Kunstkritiker Clive Bell Anfang des 20. Jahrhunderts war er dann schon einer der zwei besten. Der andere war jedenfalls nicht Reynolds, der, zu Lebzeiten erfolgreicher, heute als akademisch uninspiriert gilt.

Gainsborough dagegen ist der Maler mit Herz, der Porträtist der sensiblen Melancholiker, der Vertreter von Aufklärung und Vorläufer der Romantik. Da ist kein Karikaturist am Werk wie bei dem eine Generation älteren William Hogarth, der die provinzielle englischen Landgesellschaft gnadenlos aufs Korn nahm. Es gibt auch keine unvorteilhafte Wahrhaftigkeit wie beim großen Vorbild Diego Velazquez. Gainsborough, so sehr seine Porträts für ihre Ähnlichkeit gerühmt wurden, sieht immer nur die schönen Seiten seiner Modelle, er ist ein Schönmaler im besten Sinn. Kein Wunder, dass er so beliebt ist.

Zum dritten Mal seit 1953 hat sich die Tate Britain jetzt ihres erklärten Publikumslieblings angenommen und eine Gainsborough–Ausstellung ausgerichtet, die danach nach Washington und Boston weiterwandern wird. In sieben Sälen entfaltet sich das Werk des Malers von den frühen Jahren ab 1740 mit ihren Landschaften und ersten Porträts über die Themen Porträt und Mode, Empfindsamkeit, Landschaft und Armut. Herzstück des Ganzen ist die große Galerie, die die von Gainsborough selbst in der Royal Academy vorgestellten Werke versammelt: Eine Leistungsschau, die eine deutliche Sprache von Ehrgeiz und Ambition spricht, aber auch zeigt, wie sich der Maler immer stärker vom klassischen Repräsentationsbild löst – und sich dafür mit der Akademie überwirft.

Weil aber Gainsborough, bei aller Raffinesse, nicht unbedingt der aktuellste Maler ist, thematisiert die Tate diesmal vor allem die Modernität seines Gesamtwerks. Nicht so sehr der gefeierte Maler der schönen Oberfläche, der Porträtist der glamourösen High Society soll in der Ausstellung gewürdigt werden, sondern der Pionier in Fragen der Maltechnik, der Geschlechterdarstellung wie der sozialen Einstufung.

Die schnellen „brushes and strokes“, mit denen Gainsborough seine dünnflüssige Farbe auf die Leinwand aufträgt, erscheinen aus der Nähe geradezu impressionistisch-spontan. Erst in der Fernsicht vereinigen sich sich zu glänzenden Textiloberflächen, duftigen Tüllschleiern oder naturkrausen Locken. Das war neu in Zeiten, in denen die Sorgfalt der Ausführung über alles ging. Kein Wunder, dass bei vielen, gerade den späteren Werken darüber gestritten wird, ob der Maler sie überhaupt vollendet habe.

Interessanter jedoch ist die Entschiedenheit, mit der sich Gainsborough über traditionelle Verhaltensmuster seiner Zeit hinwegsetzt. Er malt die selbstbewusste Sängerin Ann Ford, die als weibliche professionelle Musikerin nicht öffentlich auftreten durfte, wie einen Mann: Mit übereinander geschlagenen Beinen, energischem Blick, die Gambe wie ein Phallussymbol im Schoß aufgereckt. Es sei ein wunderbares Frauenbildnis, schreibt bewundernd Mary Delany, eine Zeitgenossin – aber es sollte ihr sehr leid tun, irgendjemand, den sie kennt, so abgebildet zu sehen. Den jungen Offizier des vierten Fußregiments, der nur höchst unwillig in den Krieg gegen die Brudernation Amerika zog, zeigt Gainsborough dagegen wie ein junges Mädchen: mit porzellanweißer, feiner Haut, verträumt nach innen gewandtem Blick und einer müden Eleganz in der Haltung, die einem tapferen Soldaten so unangemessen ist wie nur möglich.

Und er malt bevorzugt Tiere: nicht die gezüchteten, hechelnden Jagdhunde, sondern Schoßhündchen, exotisch, tapsig, mit treudummem Hundeblick. Und ihre Besitzer, anstatt stolz mit Gewehr neben ihnen zu posieren, knuddeln und umarmen die Tiere, als seien’s ihre Kinder. Das geht so weit, dass die Tiere manchmal eindrucksvoller gelingen als ihre Herrschaften: In dem grandiosen Doppelporträt von Viscount und Viscountesse Ligonier, die zum Zeitpunkt der Fertigstellung längst wegen einer Affäre der lebensfrohen, sehr sinnlich gemalten Viscountesse zerstritten waren, lehnt der gehörnte Ehemann blass und steif an seinem Pferd. Das wiederum blickt klug und verständnisvoll ins Publikum – und der Zeitgenosse Robert Baker bemerkte nicht zu Unrecht: „Das Pferd ist mindestens genauso gut ein Mann wie sein Herr.“

Schwieriger wird es mit der vermeindlichen Modernität bei den Werken, die Gainsborough den unteren Klassen widmet. Er, der als Gesellschaftsmaler bekannt ist, hat wie kaum ein anderer auch die Arbeiterklasse und ihre Lebensumstände thematisiert. Die Überzeugung des 18. Jahrhunderts allerdings, dass, wer beim Zuschauer Mitgefühl und Aufmerksamkeit für die Armen wecken wolle, diese nicht abschreckend zeigen dürfe, sondern sympathisch und pittoresk, führt auf direktem Weg in die Sentimentalität. Bilder wie jenes des dunkellockigen Cottage Girl mit Hund und Wasserkrug mögen von den Zeitgenossen als„natürlich und gefällig“ gelobt worden sein. Sie sind, wie auch das träumende Mädchen am Schweinetrog, eindeutig von Murillo inspiriert, den Gainsborough mehrfach kopiert hat. Hier sind die Grenzen der Schönfärberei erreicht. Etwas mehr Realismus wäre moderner gewesen.

Gainsborough, Tate Britain London, bis 19. Januar, täglich 10 bis18 Uhr, Katalog (in der Ausstellung) 29,90 Pfund

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