Symposium : Sei neu, sei gierig, sei Berlin

Was machen wir mit der kulturellen Vielfalt? Wie hält Berlin seine eigene kulturelle Vielfalt im Alltag aus? Besuch auf einem Symposium in der Hauptstadt.

Frederik Hanssen

Bushido ist ein Produkt deutscher Sozialarbeiter. Beim Symposium „Be Berlin – be diverse“, zu dem Kulturstaatssekretär André Schmitz ins Rote Rathaus geladen hat, würzt Mark Terkessidis sein Impulsreferat mit starken Thesen: Als es in den Jugendzentren Mode wurde, Rap-Kurse anzubieten, wollte man den Halbwüchsigen Texte mit „lebensweltlicher Relevanz“ entlocken – heraus aber kam Erzieher-Lyrik. Kein Wunder, dass die Kids die krassen Storys ihrer US-Vorbilder cooler fanden und sie bald imitierten, mit Bushido an der Spitze. Da hatten die Erwachsenen dann wieder etwas, über das sie sich aufregen konnten.

Dass Berlin stolz auf seine Internationalität sein darf, steht außer Zweifel. Wie aber hält die Metropole jenseits umsatzsteigernder Touristenströme und imagefördernder Künstlergäste seine eigene kulturelle Vielfalt im Alltag aus? Spielen die 750 000 Einwohner mit Migrationshintergrund eine angemessene Rolle in der lokalen Kunstszene?

Dass die Antwort „Nein“ lautet, darüber war man sich bei dem zweitägigen Symposium schnell einig. Bei der Frage allerdings nach geeigneten Gegenmaßnahmen tappten viele Teilnehmer in die „Terkessidis-Falle“. Der Migrationsforscher hatte beklagt, dass Ausländer in den staatlichen Förderstrukturen wie Behinderte behandelt werden: als Randgruppen mit Defizit, die man mit gut gemeinten Sonderprogrammen ghettoisiert.

Tatsächlich wurden die Diskussionen von zwei Forderungen dominiert. Erstens müsse der Staat mehr Geld für Projekte zugewanderter Künstler zur Verfügung stellen. Und zweitens sollten die Hochkulturinstitutionen Programme anbieten, mit denen sich unterschiedlichste Ethnien identifizieren könnten. Als ließe sich ein „diverses“ Publikum nur mit dem locken, was ihm schon vertraut ist.

Theater, Opern und Konzerthäuser „barrierefrei“ zu machen, bedeutet eben nicht, sich mit Folklore anzubiedern, sondern Hemmschwellen zum Beispiel durch mehrsprachige Publikationen und Websites abzubauen. Größere Erfolge aber werden sich langfristig allein durch Bildung erreichen lassen. Kinder aus kulturfernen Familien finden den Weg zu Schiller, Schönberg & Co. zumeist nur dank pädagogischer Hilfe – ob sie nun Ausländer sind oder Deutsche. Sind die Jugendlichen aber erst einmal kulturmündig geworden, ist der Schritt für sie leichter, sich mit ihren vielfältigen Identitäten in den kreativen Prozess einzubringen.

Eine Vision, die lediglich Politiker erschreckt. Innerhalb einer Legislaturperiode lassen sich diese Früchte nämlich nicht ernten. Frederik Hanssen

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